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FOTOTIPP März 2016:

Mehr Tiefe ins Bild

Worum es bei diesem Fototipp geht:

Fotografien sind zweidimensional. Es ist also Aufgabe des Fotografen auf andere Weise dafür zu sorgen, dass ein Eindruck räumlicher Tiefe entsteht, wenn ihm das gestalterisch wichtig erscheint. Längst nicht bei jedem Bild ist das immer nötig, aber man sollte die Entscheidung bewusst treffen. Ich befasse mich in diesem Beitrag vor allem mit der Wirkung von Weitwinkelobjektiven zu diesem Zweck.

Altstadt Rottenburg a.N.

Jeder kennt den Effekt der scheinbar auf einen Punkt in der Ferne zulaufenden Schienen oder Straßen. Man weiß natürlich, dass es nur eine Täuschung ist, aber trotzdem ist es ein gutes Mittel um den Eindruck von Ferne und räumlicher Erstreckung hervor zu rufen. Nun gibt es aber nicht überall Schienen (wäre auch schnell langweilig als Effekt!). Es gibt aber eine Menge ähnlicher Effekte, die ebefalls auf diese Weise »funktionieren«. Beim Bild oben ist das sehr schön an dem immer kleiner werdenden Muster der Pflastersteine zu sehen. Und den Schieneneffekt gibt es hier ebenfalls an den Häuserfassaden.

Schloss Solitude Eine ausgeprägte räumliche Wirkung ergibt sich auch bei hintereinander gestaffelten architek­tonischen Elementen wie hier die kleiner werdenen Bögen.

Man ahnt schon, dass die Bögen wahrscheinlich in Wirklichkeit gar nicht so unter­schiedlich groß sind. Dass der Größen­unter­schied hier so ausgeprägt erscheint, dafür ist die recht kurze Brennweite des verwendeten Objektivs zuständig (14 mm an der Fuji X-Pro1, was bezogen auf KB-Voll­format 21 mm Weitwinkel bedeutet).


Schloss Solitude Gestalterisch besonders interessant kann es sein, wenn man mehrere Fluchtlinien im Bild hat, die miteinander konkurrieren (auch hier wieder mit dem 14 mm Weitwinkel aufgenommen).

Wenn dann noch wie im hier gezeigten Beispiel weitere den Blick führende Elemente dazu kommen (achten Sie z.B. auf den Lichtabfall!), kann es manchmal sogar zu viel des Guten werden. Hier gefällt mir die Wirkung aber noch sehr gut.


Schloss Solitude

Ein drittes Motiv nur wenige Schritte weiter an fast der gleichen Stelle aufgenommen. Vergleichen Sie dieses Bild einmal in Ruhe mit den beiden anderen. Es wirkt doch über­raschend anders, finde ich! Dafür sind vor allem zwei Merkmale verantwortlich: Das fast quadratische Format und der unverstellte Vordergrund. Beide zusammen geben ihm mehr Ruhe. Die kurze Brennweite sorgt aber auch hier für ein Gefühl von Weite, was natürlich durch den breit gefassten Bildwinkel von fast 90 Grad unterstützt wird, den das 14 mm Objektiv bietet.

in Rottenburg

Wenn man mehr Tiefe ins Bild bringen möchte, ist aber nicht in jedem Fall immer ein besonders starkes Weitwinkel nötig. Bei der Szene aus der Rottenburger Altstadt, die auf dem Bild zu sehen ist, wäre mir das 14 mm Objektiv eindeutig zu krass gewesen, was die Perspektive angeht. Ich habe mich stattdessen für das 23 mm Objektiv entschieden (bezogen auf KB-Vollformat also nur 35 mm Weitwinkel). Der »Einsenbahn­schienen­effekt« ist auch so bereits deutlich zu sehen und gibt dem Bild die gewünschte räumliche Tiefe. Eine wesentlich kürzere Brennweite hätte den Effekt übertrieben und dem Bild eine fast dramatische Wirkung gegeben, die ich nicht passend gefunden hätte.

Porträt mit WW

Zum Abschluss noch ein Beispiel, dass - anders als es viele Vorurteile sagen - sogar stärkere WW-Objektive (hier das 14er) unter bestimmten Voraussetzungen durchaus auch für Porträts einsetzbar sein können. Mir gefällt das hier gezeigte Bild gut wegen seiner Natürlichkeit und Ungestellt­heit. Es war tatsächlich ein schneller Schnappschuss, als mir ein Bekannter in der Stadt begegnete und ich halt gerade die Kamera mit dem WW drauf um den Hals hängen hatte. Selbstverständlich werden Proportionen und Perspektive anders dargestellt als man das normalerweise von einem Porträt erwartet, und das Schild der Baseball-Cap ist nicht wirklich soooo lang, wie es hier erscheint. Das stört mich hier aber nicht, denn ich finde, es passt zum Schnappschuss-­Charakter der Aufnahme. Gut zu sehen ist auch, dass bei offener Blende (hier 2,8) der Hintergrund schon merklich verschwimmt, was die räumliche Tiefe verbessert.

Zusammenfassung

Greifen Sie mal zu einer kürzeren Brennweite und probieren Sie aus, welche Möglichkeiten Ihnen das bietet, um die Wahrnehmung von Tiefe im Bild ganz gezielt zu betonen. Tasten Sie sich aber auch aufmerksam heran und übertreiben Sie den Effekt nicht auf Gedeih und Verderb, denn vor allem stärkere WW-Brennweiten können die Bildgestaltung manchmal auch »erschlagen«. Wie alle plakativen Merkmale springt es eben sofort ins Auge und kann von dem, was man eigentlich zeigen wollte, ablenken, wenn man gestalterisch »mit dem Holzhammer« vorgeht.