Untermenüs finden Sie am Seitenende.

FOTOTIPP April 2015:

Straßenfotografie

Nachdem der Fototipp für März ja leider durch eine Zwangspause im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter, wo ich dann anderes im Kopf hatte als fotografieren, ausgefallen ist und der April auch schon die Hälfte überschritten hat, möchte ich endlich wieder hier aktiv werden: Straßenfotografie heißt das Thema. Warum nicht »street photography« oder - noch schlimmer - sogar »Street-Fotografie«, werden jetzt sicher manche fragen? Ich hab nichts gegen Fremdsprachen, aber ich sehe nicht, welchen Sinn es machen soll, mit aller Gewalt ein englisches Wort da rein zu zwängen, wenn sich street = Straße und photography = Fotografie doch perfekt auch auf Deutsch sagen lässt.

rote Hauswand

Am vergangenen Sonntag war am frühen Abend, als die vielen Sonntagsspaziergänger schon das Feld geräumt hatten, eine gute Gelegenheit mit meiner Fuji X-Pro1 und dem 18mm-Weitwinkel (entsprechend ungefähr einem 28er bei Kleinbild) loszuziehen auf der Suche nach eher Unscheinbarem am Wegesrand.

Schaufenster

Schaufenster mit Spiegelung

Bei meiner Model-Fotografie spielen oft Ideen und kleine Szenen eine Rolle, die der Betrachter der fertigen Bilder vielleicht gar nicht wahrnimmt und auch gar nicht wahrnehmen muss; sie sind nur ein Baustein meiner Fotografie, sozusagen noch »im Rohbau«. Das macht nichts, weil ich ja nicht den Anspruch und das Ziel habe, dass man in meinen Bildern gefälligst »einen Sinn, eine Aussage« zu erkennen hat. Mir geht es meistens mehr um das Einfangen einer bestimmten Stimmung, die ich in dem Moment gerade empfunden habe und die durch die Idee im Hinterkopf geprägt wurde.

Hier bei den Straßenfotografie-Bildern ist das Grundelement ein ganz ähnliches, aber der Ansatz ein anderer:

Die Realität, auf die ich beim Weg durch Einkaufsstraßen, Altstadtgassen, Wohnviertel oder Industriegebiete stoße, sind der von außen gelieferte Impuls für das einzelne Foto. Nötig ist die Aufmerksamkeit für die Kleinigkeiten oder feinen Details. Die wesentliche Aufgabe des Fotografen sehe ich hier darin, die Szene aus dem Umfeld zu lösen, indem man den Ausschnitt passend wählt und tunlichst das weg lässt, das nur Ablenkung bedeuten würde.

Bei dem Schaufenstermotiv ist mir sofort die Mischung aus Künstlichkeit der Puppen und der Spiegelung der gegenüber liegenden Hausfassade in der Scheibe aufgefallen. Ich habe so knapp geschnitten, dass von dem Umfeld nichts weiter drauf kam. Dass es das Schaufenster eines Modegeschäfts ist, dazu braucht man keine Erklärung, das merkt man auch so. Die Spiegelung ist da schon trickreicher: Man muss genauer hinschauen, damit man erkennt, dass das kein Teil der Schaufensterdekoration ist.


Karmeliter

Die Enge

Das Gässchen zum Karmeliterkirchhof ist wirklich eng. Für den Motorroller im dunklen Hintergrund reicht's ja, aber ein Auto kann da nicht rein.

Typisch an meiner Straßenfotografie, wie ich sie sehe, ist es, dass gerade Linien dominieren. Die Senkrechten, wie an dem Bild hier, aber auch die Waagrechten spielen eine Rolle durch die Kanten der Straßen und Wege. Vor 20 und mehr Jahren hätte ich wahrscheinlich gründlich überlegt, ob ich für diese Fotos nicht am besten die Fachkamera nehmen sollte (ich hatte auch mal eine Sinar 4x5 inch, mit der Scheimpflug-Entzerrung ja kein Problem war und man alles perfekt gerade gerichtet aufnehmen konnte).

Heute ist das wie selbstverständlich gar kein nennenswerter Aufwand mehr und kann gleich im RAW-Konverter mit wenigen Klicks (bei Lightroom sogar automatisiert) erledigt werden. Braucht man das? Das ist sicher Geschmackssache. In Wirklichkeit sind stürzende Linien ja überall zu finden, bloß blendet unser Gehirn das weitgehend aus. Das funktioniert deshalb sehr gut, weil unser Sehfeld ja einen weiten Bereich umfasst und es deshalb nicht die scharfen Ausschnitte gibt, die die Kamera liefert. Beim Fotografieren bin ich absolut kein Freund sinnlos gekippter Bilder und habe mir angewöhnt fast jedes Bild noch ein klein wenig nach meinem Geschmack auszurichten - meistens gerade eben beziehungsweise halt so, wie ich es als gerade ausgerichtet empfinde. Man kann das sicher als unnötige Marotte ansehen, aber es entspricht nun halt mal meinem Geschmack so.


Jeckel

Nostalgie

Oft sind es nur ein paar Schritte, und schon ändert sich die Stimmung völlig bei der Straßenfotografie. Das wird auch wesentlich davon bestimmt, wie man den Ausschnitt wählt und wie man das Bild schließlich ausarbeitet. Ich denke, die Wahl eines entsprechend getonten SW lag bei diesem Motiv hier einfach auf der Hand - ich find's einfach nur klasse!

nr38

Junge am Papierkorb

Mit oder ohne Menschen?

Die klassische Straßenfotografie hat SW zu sein und Szenen mit Menschen zu zeigen. Zu diesem Eindruck kann man gelangen, wenn man unter dem Stichwort street photography stöbert. Das ist mir ehrlich gesagt aber reichlich egal. Mir hat es an dem Sonntag Abend gefallen, dass das Städtchen schon ziemlich ausgestorben war und das Licht nicht mehr so hart war. Eine leere Einkaufsstraße ist schon ein Widersprch für sich: Gebaut für die Menschen, die jetzt nicht da sind.

Die Leere gibt dem Bild fast von selbst Distanz und eine gewisse Melancholie. Trotz der intensiven warmen Farbe laden die Sthle im Vordergrund jetzt nicht zum Sitzen ein. Und bei genauem Hinschauen entdeckt man ja auch, dass die Stühle gesichert sind und man sich jetzt gar nicht hinsetzen könnte.

Und die Farben

Ich fotografiere gerne in SW, aber gerade in der Stadt würde ich es oft schade finden auf die Farbe zu verzichten, weil sie manchmal erstaunlich stark die Bildaufteilung beeinflussen kann. Schauen Sie sich zum Beispiel das Bild mit dem kleinen Jungen hier an: Alles in schwachen Pastelltönen, so ausgeprägt Ton in Ton, dass der grüne Strohhalm sofort ins Auge springt. Es macht mir Spaß, solche Kleinigkeiten einzufangen und in aller Ruhe bei der Bildgestaltung einzubauen.


Ich hoffe, ich konnte die »Straßenfotografiererei« oder street photography etwas schmackhaft machen. Man sollte dafür bevorzugt eine nicht zu lange Brennweite haben, ein wenigstens mittleres Weitwinkel, weil man sonst für viele Motive einfach unrealistisch viel Abstand halten müsste (natürlich mit dem Nachteil, dass einem bei mehr Betrieb als hier ständig Leute durch's Bild laufen würden). Das allein ist es aber noch nicht: Die kurze Brennweite liefert ja auch eine ganz andere Perspektive, was sich günstig bemerkbar macht. Das Bild vom Karmeliterkirchhof hätte ohne Weitwinkel viel von seiner räumlichen Tiefe verloren, und das nostalgische Lager-Verkauf-Bild wäre so gar nicht möglich gewesen, weil ich nicht so weit zurück hätte gehen können ohne auch Hindernisse mit im Bild zu haben.