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FOTOTIPP März 2014:

Warum hat sie nichts an? Was tut sie hier?

Jacqueline im Wald

Wenn Sie meine Homepage kennen, werden Sie ja auch wissen, dass Fotografie im Studio nicht mein Ding ist.

Warum? Ich möchte für meine Bilder eine Umgebung haben, die nicht extra für die Aufnahmen künstlich arrangiert ist, wie das eben im Studio der Fall wäre, wenn man dort nicht gleich ganz drauf verzichtet und den leeren Hintergrund mit Hohlkehle wählt.

Weil ich Bilder mit ganz geringem Schärfenbereich mag, lasse ich das Umfeld oft fast völlig in Unschärfe sich auflösen, denn es ist ja nicht das Thema meines Bilds. Das Modell soll die Aufmerksamkeit bekommen, nicht der Hintergrund.

Aktaufnahmen, die Natur als Umgebung zeigen oder mindestens erahnen lassen, werden nach meiner Erfahrung am ehesten noch als »was Normales« akzeptiert. An einem See natürlich sowieso, auch auf einer Wiese, und wenn es sein muss wohl auch noch im Wald - das liegt für Otto Normalbürger noch im Rahmen dessen, wo er Nacktheit nicht unangebracht findet. Solche Aktmotive brauchen also keine besondere Rechtfertigung und Erklärung.

Astrid hinter der Tür

Ein Schritt weiter

Jetzt gibt es aber zweifellos auch ganz andere Möglichkeiten, was man sich so aussuchen kann - siehe zum Beispiel hier rechts.

Ich muss dann immer grinsen, wenn früher oder später Fragen kommen wie: Was macht sie hier in dieser verfallenden Umgebung? Warum ist sie nackt dabei?

Offenbar wird nach einem Sinn gesucht in dem Bild. Es muss doch irgendeine Aussage haben!

Ich mag meine Fotografie nicht erklären wie einen nicht verstandenen Witz, denn in beiden Fällen ist der Effekt verloren. Ein Witz, den man sich erst von jemandem erklären lassen muss, über den wird man nicht wirklich herzhaft schmunzeln oder sogar drüber lachen können. Ähnlich wäre es bei einem Bild.

Ich möchte aber wenigstens einen Denkanstoß geben: Was wird sie denn wohl getan haben in dieser abgefuckten Umgebung? Richtig, sie war dort natürlich, um fotografiert zu werden! So banal ist das. Sind Sie unzufrieden mit dieser Erklärung, weil das doch sowieso offensichtlich ist? Es gibt keinen Grund dazu. Nehmen Sie ein typisches Studiobild. Auch dort sind Modell und Fotograf extra zu diesem Zweck angetreten.

Versuchen Sie die morbide Umgebung in dem Fabrikruinenbild einfach mal als meine Studiodekoration zu sehen. Nichts anderes ist es nämlich; nur mit dem Unterschied, dass ich die Utensilien nicht ins Studio geschleppt und dort möglichst malerisch drapiert hab und dann noch die passende Ausleuchtung dazu gebastelt, sondern ich habe mir einfach eine bereits existierende Umgebung gesucht, die meinen Vorstellungen nahe kam.

Leoni auf der Leiter

Es gibt also gar keine Notwendigkeit, wieso in der fertig vorgefunden Umgebung nach dem besonderen Sinn und einer Aussage gefragt werden müsste, im Studio aber selbstverständlich nicht.

Die Sinnfrage, genauer betrachtet

Sehen Sie sich das Bild rechts an. Die Szenerie ist hier räumlich enger. Es wäre durchaus möglich genau dieses Arrangement auch in einem ausreichend hohen Studio aufzubauen. Auch das Licht sieht hier eher so aus, als könnte es künstlich sein.

Tatsächlich ist es so, dass (zwischen Fotografen jedenfalls) die Aufmerksamkeit sofort auf etwas ganz anderes springt, wenn das Bild als Aufnahme im Studio präsentiert wird. Es interessiert dann: Wie hat der das gemacht? Wieviel Aufwand war wohl nötig? Wo sind Schwächen, was würde ich anders machen usw.

Die Frage nach Sinn und Bildaussage ist sofort wie weg geblasen. Es ist eben ein Studiobild. Da braucht man sich darüber keine großen Gedanken zu machen. Im Studio scheint Narrenfreiheit zu herrschen. Andere (Studio-)Fotografen schauen nach Perfektion des Aufbaus und grübeln darüber, wo die Ausleuchtung noch ein weiteres i-Tüpfelchen hätte haben können.

Was sehen Sie?

Es geht mir nicht darum Studiofotografie und Fotografie in realer Umgebung gegeneinander aufzuwiegen. Früher hätte man schnell gesagt: Da liegen Welten dazwischen. Heute stimmt das so nicht mehr, wenn man bedenkt, was manche Fotografen an mobiler Beleuchtungstechnik mit sich herum schleppen. Da kann man dann wirklich vom »Outdoor-Studio« sprechen.

Lexa auf dem Eis

Mich interessiert etwas ganz anderes: Natürlich können und dürfen Sie bei jedem Bild nach dem Sinn fragen. Was genau meinen Sie aber damit?

Ich finde es müßig die Sinnfrage so zu verstehen, dass es darum gehen würde, Bilder möglichst logisch zu erklären und dort, wo das mangels Information nicht geht, wenigstens Vermutungen anzustellen, was denn nun hier gemeint sein könnte und was für eine Handlung dahinter steckt.

Ja klar, man kann das natürlich tun - aber mich interessieren solche Fragen herzlich wenig!

Es ist sehr naiv zu glauben, dass ein Bild umso eindeutiger und verbindlicher ist, je weniger darauf Einfluss genommen wurde. Meine Bilder sind keine Dokumentarfotos. Vor allem meine Model-Fotografie ist von Anfang bis Ende geplant und arrangiert. Warum sollte ich also so tun, dass das nicht so wäre? Dass ich eine bestimmte Art von Umgebung aussuche, ist zwar nicht bis ins letzte Detail geplant, aber es ist ganz gewiss kein Zufall.

Wenn Sie näher interessiert, wie ich meine eigene Fotografie verstehe, orientieren Sie sich am besten an einem ganz anderen Kriterium: Ich verstehe meine Bilder als eingefrorener Sekundenbruchteil einer Szene, die so nie wirklich stattgefunden hat, weil »nur« arrangiert. Ich zeige aber keine Bewegtbilder wie Video, sondern ich versuche alles in ein einziges Bilder oder maximal einige wenige Bilder zu verdichten. Am ehesten trifft wohl der Vergleich mit den Standbildern aus einem Film den Kern - aber mit dem Unterschied, dass es diesen Film zu den Standbildern bei mir eben nicht gibt. Man soll sogar merken, dass da eine Regie stattgefunden hat. Es ist aber keine Regie, die eine Geschichte erzählen soll, sondern ich bemühe mich um Bilder, die in mir etwas ansprechen und für mich eine bestimmte Stimmung oder Atmosphäre transportieren. Wohl gemerkt: Das gilt für mich - was bei Ihnen ankommt und ob überhaupt etwas, das habe ich nur in sehr begrenztem Umfang in der Hand!