6 Jahre

Unglaublich, wie die Zeit davon rast, je älter man wird! Heute Nacht vor genau 6 Jahren ist meine Mutter kurz vor ihrem 88. Geburtstag gestorben. Manche Bilder habe ich noch so klar vor Augen, als wäre es gerade erst vor ein paar Wochen gewesen. 

Ich bin Einzelkind, habe also keine Geschwister und deshalb viele Erfahrungen, die für Andere bestimmt ganz selbstverständlich sind, nie gemacht. Ich bin die meiste Zeit überwiegend bei meinen Großeltern aufgewachsen, die im selben Haus wohnten. Das Leben meiner Eltern (sie „a Flüchtling vom Sudetenland“ und er „a rechter Schwob vo dr Alb ra“) war stark von der aufkommenden Wirtschaftswunderzeit geprägt. Schon 1952 haben sie gebaut, natürlich damals hoch verschuldet. Also war klar, dass Geld zusammengekratzt wurde, was das Zeug hielt. Mein Vater war Schichtarbeiter „bem Daimler“ in Sindelfingen. So lange ich mich überhaupt erinnern kann, wurde nebenher noch was gearbeitet. Mein Vater war gelernter Werkzeugmacher und hat schon sehr früh im Keller eine Werkstatt eingerichtet mit einer Fräsmaschine aus den 30er Jahren und einer Standbohrmaschine. Der beginnende Wirtschaftsaufschwung führte dazu, dass viele Fabriken Arbeiten extern vergaben, eben auch an solche wie meinen Vater.

Damit es ordentlich vorwärts ging, stand meine Mutter unten in der Werkstatt und hat gefeilt, gebohrt, gefräst während mein Vater Schicht hatte. Da war es natürlich praktisch, dass ich bei den Großeltern mütterlicherseits „abgegeben“ werden konnte. Ich hab mich dort auch wohl gefühlt.

Mag durchaus sein, dass es am Anfang finanziell nötig war so viel wie möglich zu arbeiten. Das kann aber keine sehr lange Zeit gewesen sein, denn das Haus war schon bald abgezahlt und seit ich überhaupt denken kann hatte man auch bereits ein Auto. Zuerst einen Brezel-Käfer Baujahr 1949, dann (ich glaube, es müsste 1961 gewesen sein) ein Opel Rekord, hellblau mit weißem Dach.

Ich weiß noch, dass meine Mutter auf dieses Auto richtig stolz war: Jetzt hatte man es endlich geschafft und „zu etwas gebracht“, mit dem man sich auch sehen lassen konnte!

Ich glaube, sie hätte schon damals gerne alles etwas geruhsamer angehen lassen, aber mein Vater wollte mehr. Es folgte der Opel Rekord P2, ein richtig großes Auto. Und jetzt war der nächste Wohlstandsschritt an der Reihe: 1965 konnte endlich der erste Mercedes Jahreswagen angeschafft werden, eine 190 D „Heckflosse“ in Zweifarblackierung weißgrau mit havannabraunem Dach und natürlich weißem Lenkrad. Man war stolz wie Oskar!

Meine Mutter muss wohl schon damals gar nicht mehr sehr glücklich gewesen sein, denn es plagten Sie verschiedene psychosomatischen Erkrankungen, die aber nicht als solche erkannt wurden. Stattdessen wurde nach und nach erst der Blinddarm „auf Verdacht“ entfernt und später dann die Gallenblase, aber ohne Erfolg.

mutter

Für meinen Vater gab es aber kein Halten. 1966 fing er mit der Vermittlung von Jahreswagen neben der Schichtarbeit her an, und das boomte bald ohne Ende. Meine Mutter musste alle Anrufe abwickeln, während er beim Daimler war und Autos entgegen nehmen und an die Händler weiter geben. Einen Führerschein hatte sie nie. – So ging die Zeit dahin.

Mein Vater ergriff die erste Gelegenheit, die sich damals bot, um mit 58 in vorgezogenen Ruhestand zu gehen. Meine Mutter wird sich bestimmt mehr Ruhe erhofft haben, aber weit gefehlt, denn jetzt hatte mein Vater ja rund um die Uhr Zeit für den Autohandel! Ihm hat das auch wirklich Spass gemacht, denn er war ein sehr geselliger Mensch, der gern Leute um sich hatte. Meine Mutter das krasse Gegenteil.

Ende 2002 ist mein Vater dann an Lungenkrebs erkrankt und im Juli 2003 daran gestorben. Er war die ganze Zeit über daheim und wurde von ihr bis zum bitteren Ende gepflegt. Ursprünglich hatten meine Eltern klassische Rollenteilung: Er regelt alles außerhalb, sie macht alles rund um den Haushalt. Das ging so weit, dass mein Vater nicht mal was ganz Simples kochen konnte, denn er hat das ja nie gebraucht. Andersrum war’s ähnlich.

Nach dem Tod meines Vaters ist sie emotional erst mal in ein tiefes Loch gefallen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir uns einigermaßen „zusammengerauft“ hatten, denn von ihrer Lebenseinstellung her war sie mir weit entfernt: Während mein Vater durch und durch Optimist war, war sie von Sorgen und Pessivismus geprägt. Das ist etwas, das mir gar nicht liegt. Es gab dann viele sinnlose Diskussionen, die nur Nerven und Kraft gekostet haben. Irgendwann hab ich ganz langsam kapiert, dass es gar nicht drum geht, dass ich was sage dazu, sondern sie wollte einfach ihre Sorgen und Befürchtungen bei jemand „abladen“ können. Ich habe nach und nach gelernt stumm zuzuhören, und das war eben auch eine wichtige Funktion.

Auch wenn es nicht immer ganz einfach und „pflegeleicht“ war mit ihr, hat sie aber doch nach dem Tod meines Vaters noch fast 12 Jahre ganz gut erleben dürfen bis wenige Wochen vor dem Ende, und sie ist dann auch friedlich und ohne Schmerzen eingeschlafen. Glücklich? Ich glaube, viele wirklich glückliche Momente hat es in ihrem Leben wohl eher nicht gegeben. Das war einfach so. Auch wenn es mir schwer fällt, mich selber in eine solche Lebensweise hinein zu denken.

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