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Photoshop-Tipp: Weißabgleich

Wozu Weißabgleich?

Die Wirkung Ihres Bildes hängt ganz entscheidend davon ab, wie die Farben »rüber kommen«. Das ist noch vielen Fotografen klar. Was die meisten aber nicht bedenken ist die Tatsache, dass diese Entscheidung bei Ihnen als Fotograf liegt. Fragen Sie nicht nach richtig oder falsch, sondern seien Sie selbstbewusst und gestalten Sie die Farbstimmung Ihres Bildes - nichts anderes bedeutet der Weißabgleich - so, wie Sie es sehen wollen.

Weißabgleich: Die Grundlagen

Der Weißabgleich ist nichts grundsätzlich Neues der Digitalfotografie. Er ist nur wesentlich einfacher geworden. Der erfahrene Diafotograf wusste schon immer, dass das Licht auch draußen in der Natur einen mehr oder weniger starken Farbstich haben kann. Jeder Fotograf weiß auch heute, dass das Licht nach Sonnenaufgang und das vor Sonnenuntergang deutlich »wärmer« ist als das um die Mittagszeit.

Ein Blick zurück und in die Gegenwart

Weißabgleich war schon bei Diafilm wichtig

Weil Diafilm nachträglich farblich nicht mehr beeinflusst werden kann, war es wichtig, diese Entscheidung schon vor der Aufnahme zu treffen, wenn man eine Korrektur wollte. Mit teueren Farbtemperatur-Messgeräten konnte man ermitteln, welche Filter vor dem Objektiv die gewünschte farbliche Abstimmung geben würde. Wer es ganz exakt haben wollte, musste tief in die Tasche greifen und sich eine ganze Portion Korrekturfilter anschaffen, um immer gerüstet zu sein.

Weißabgleich bei Farbnegativfilm war einfach

Mit Farbnegativfilm hatte man's leichter, weil das Negativ ja noch nicht das Endprodukt war und im Farblabor ja sowieso noch sorgfältig gefiltert wurde. So gesehen konnte man mit Negativfilm fast ein bisschen so umgehen wie heute mit Digitalbildern, nur mit dem Unterschied, dass umfangreiches Probieren natürlich ins Geld ging wegen dem Materialverbrauch.

Und heute, bei Digitalkameras?

Wer auf optimale Eingriffsmöglichkeiten Wert legt, für den kommt nur RAW in Frage, also Aufnahmen im Rohdaten-Format. Warum das so ist, kann man in meinem beiden Büchern ausführlich nachlesen. Im Buch Fine Art Fotografie habe ich dem Thema RAW nicht ohne Grund sogar ein ganzes Kapitel gewidmet mit detaillierten Beispielen, die die interessanten Möglichkeiten zeigen.

Schauen wir uns die Einstellung des Weißabgleichs etwas näher an: Rechts ist ein Screenshot aus dem Photoshop RAW-Konverter für den Weißabgleich zu sehen. Vorgewählt ist dort »Wie Aufnahme«, also die Einstellung, die die Kamera geliefert hat. Es wäre naiv anzunehmen, dass das immer die »echten, unverfälschten« Farben zeigen muss. Das ist ein Trugschluss: Auch die Kamera hat die Farbwerte bereits interpretiert und nach einer intern festgelegten Voreinstellung aufbereitet! Meistens liegt man mit den Ergebnissen der Kamera-Automatik recht gut. Das muss aber nicht immer so sein. Die beiden Werte 5900 (für Farbtemperatur in Kelvin) und -3 (für den Farbton - es ist der Wert aus dem a-Kanal im Lab-Modus, wer es genauer wissen will) sind etwas wärmer als das normale Tageslicht, scheinen also nicht schlecht zu sein.

Aber halt, woher wollen Sie das denn wissen? Die Werte des Weißabgleichs geben nur Sinn zusammen mit dem Bild, zu dem sie gehören. Natürlich hätte man eine Graukarte mit fotografieren und mit der Pipette aus dem RAW-Konverter drauf klicken können. Damit hätte man zumindest an dieser Stelle eine neutralen Weißabgleich erhalten. Warum ich davon nicht viel halte, darauf komme ich später noch.

Das war übrigens das Bild, von dem wir schon die ganze Zeit reden:

Weißabgleich: Wie Aufnahme

Das Bild, wie es aus der Kamera kam bei automatischer Einstellung.

Farbtemperatur: 5900
Farbton: -3

Sind Sie überrascht, dass das Bild doch erstaunlich warmtonig wirkt? Ist etwas schief gegangen? Hat die Automatik der Kamera versagt? Oder hat der Fotograf was falsch eingestellt?


Ehrlich gesagt interessieren mich diese Fragen ziemlich wenig. Warum sollten sie auch? Ich bin kein Fotograf, der Farbmuster für Stoffe oder was Ähnliches fotografieren muss. Jeder weiß doch, dass Licht sehr unterschiedlich aussehen und dementsprechend auch die Wiedergabe der Farben stark beeinflussen kann! Wer hier mit der Graukarte in der Hand loszieht, der macht nach meinem Empfinden sowieso was sehr Seltsames: Er nimmt der Lichtstimmung ihre Besonderheit weg und versucht sie mit aller Gewalt zu »normieren«.

Wenn ich mich erinnere, wie ich bei der Aufnahme die Lichtstimmung empfunden habe, trifft es das Bild nach der Kamera-WB-Automatik gar nicht so schlecht. Die hauptsächliche Lichtquelle für das Gesicht war nämlich nur ein beleuchtetes Schaufenster.

Weil wir aber mit den RAW-Daten arbeiten, ist ja noch überhaupt nichts festgelegt. Wir können gefahrlos erst einmal verschiedene Einstellungen ausprobieren. Ich fange mit dem Ausklappmenü für den Weißabgleich an und teste mal die Photoshop-Automatik.

Weißabgleich: Automatisch

Das Bild, wie es der Photoshop-RAW-Konverter bei Automatik haben möchte.

Farbtemperatur: 3050
Farbton: +20


Hier ist noch einmal gezeigt, wo Sie weitere vorbereitete Einstellungen finden: im Ausklappmenü nämlich, hier jetzt auf Automatisch gesetzt.

Das Bild wirkt zweifellos »normaler« (was ist aber das Kriterium dafür?), zeigt aber auch eine deutlich kühlere Gesamtstimmung. Was ziehen Sie vor?

Vergleichen Sie die beiden Versionen in aller Ruhe. Machen Sie sich bewusst, dass es hier nicht um richtig oder falsch geht, sondern es sind einfach unterschiedliche Möglichkeiten, die Ihnen angeboten werden. Bedenken Sie auch, dass ja tatsächlich beide von einer Automatik generiert wurden - die eine von der Kamera, die andere von Photoshop!

Weißabgleich und die Absicht des Fotografen

Vielleicht haben Sie's ja schon zwischen den Zeilen heraus gehört: Mir ist die Freiheit des Fotografen sehr wichtig. Wer mein Fine-Art-Buch kennt, wird auch die Gründe dafür nachvollziehen können. Seien Sie selbstbewusst und arbeiten Sie Ihre Bilder genau so aus, wie Sie sie sehen wollen!

Eine Beobachtung

Ich besuche auch immer wieder Foto-Stammtische in der Umgebung. Dabei fällt mir auf, dass gerade die reinen Hobby-Fotografen, die sich doch keinem Auftraggeber gegenüber rechtfertigen müssen, besonders rigide an Regeln für die Gestaltung festhalten, die überhaupt nicht hinterfragt werden. Kurios finde ich, dass das oft die selben Leute sind, die völlig beliebig vom Motiv her sehr statische Bilder krass kippen - mit der Begründung, das würde »mehr Dynamik« ins Bild bringen...

Apropos Freiheit: Ich bin zwar schon der Ansicht, dass Regeln immer wieder dazu da sind, um übertreten zu werden. Es schadet aber gewiss nichts, wenn Sie sich einen Augenblick Zeit nehmen und überlegen, warum Sie das jetzt in dem konkreten Fall tun wollen. Sie sollten Ihre Entscheidung begründen können.

Verstehen Sie das nicht falsch als Dogma. Es hat einfach den Grund, dass Sie sich bestimmt keinen Gefallen tun, wenn Sie unüberlegt und vielleicht sogar selber unbemerkt einem Effekt auf den Leim gehen, der gerade halt oft zu sehen ist (siehe das Beispiel gekippte Bilder - im Kasten rechts). Effekte haben Ihre Berechtigung. Ich finde aber, dass jeder nur als Selbstzweck eingesetzte meistens Schaden anrichtet. Das Bild leidet darunter, weil die Aufmerksamkeit auf ein unwesentliches Details abgelenkt wird.

Zurück zum Weißabgleich: Das ist nichts, das Sie unter ferner liefen abhaken sollten. Gerade bei Farbbildern wird die gesamte Bildwirkung schon durch Nuancen stark beeinflusst. Wie stark, das merkt man oft erst, wenn man mehrere Versionen nebeneinander gestellt sieht. Das möchte ich deshalb jetzt mit unserem Bild tun.

Weißabgleich: Kunstlicht

Es liegt nah an der Photoshop-Automatik-Einstellung, enthält aber weniger Magenta.

Farbtemperatur: 2850
Farbton: 0


Weißabgleich: Mit Pipette auf das Weiß im Auge gesetzt

Auch wenn es nicht immer optimal funktioniert (das Ei des Kolumbus ist halt immer noch eine Rarität...), ist es einen Versuch Wert, den Weißabgleich darüber oder alternativ über das Weiß der Zähne zu setzen.

Farbtemperatur: 3200
Farbton: +16


Weißabgleich: Mit Pipette auf die schwarze Jacke gesetzt

Eine weitere nicht uninteressante Version. Die Hautfarbe ist schwächer, aber nicht nachteilig, finde ich.

Farbtemperatur: 2850
Farbton: -6

Hätten Sie's gedacht? Dieser Wert entspricht fast genau dem für Kunstlicht.


Weißabgleich: Mit Pipette auf das Gesicht gesetzt

Trauen Sie sich auch scheinbar Unsinniges auszuprobieren! Angeregt durch die vorige Version kam mir der Gedanke, dass es vielleicht auch interessant sein könnte, Farbe aus dem Gesicht noch weiter raus zu nehmen.

Farbtemperatur: 2400
Farbton: -3


Weißabgleich: Nicht nur eine Spielerei!

Natürlich können Sie das Bild auch so nehmen, wie Sie es von Ihrer Kamera oder von Photoshop in der Automatik geliefert bekommen. Das Bild im Kopf bleibt dabei aber auf der Strecke (ein wichtiger Punkt, den ich im Fine-Art-Buch immer wieder aufgreife). Um Ihre Ergebnisse an dem ursprünglichen Bild im Kopf messen zu können und einen guten Aufhänger für die Feinkorrekturen zu haben, ist gerade die Lichtstimmung von großer Bedeutung. Die selbe Aufnahme mit anderer Lichtstimmung ist nicht selten auch ein anderes Bild!

Beherzigen Sie das, und Sie werden sehen, wie die Qualität Ihrer Arbeiten spürber steigt.

Weißabgleich: Manuell angepasst

Nachdem ich die verschiedenen Ver­sionen in Ruhe verglichen habe, wusste ich auch bald, in welche Richtung mein Bild gehen sollte: Der Weißabgleich durch Klick auf das Weiße im Auge kam meiner Vorstellung am nächsten. Der Rot-­Ton war mir aber etwas zu stark, und einen Tick wärmer durf­te es auch noch werden. Es soll­te nicht nach Tageslicht aus­se­hen. Deshalb meine end­gültige Einstellung:

Farbtemperatur: 3450
Farbton: +10


Mein Resumée:

Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Eindruck davon vermitteln, dass der Weißabgleich ein überaus lohnendes Thema ist, das man auf keinen Fall vernachlässigen sollte: Die zur Verfügung stehenden Werkeuge sind einfach zu verwenden. Ohne großen Zeitaufwand ist eine ganze Handvoll an Möglichkeiten schnell durchgespielt. Und ich denke, die Auswirkung auf die Bildstimmung war eindrucksvoll zu erleben.