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Photoshop-Tip: Überstrahlungen erzeugen

Es gibt Motive, zu denen gehören Überstrahlungen einfach dazu. Ein mit Vaseline präparierter UV-Filter erledigt das bekanntlich bei der Aufnahme - angeregt durch David Hamiltons Fotografie haben das sicher schon viele ausprobiert. Ich möchte in dieser Lektion aber zeigen, welchen Weg ich für diesen Effekt stattdessen mit Photoshop benutze.

Die Technik, die ich zur kontrollierten Erzeugung solcher Überstrahlungen verwende, macht zwar ein bißchen Arbeit, ist aber von der Funktion her leicht zu verstehen. Ich arbeite dazu mit einer Auswahl für die Lichter, die ich überstrahlen lassen möchte und mehreren Ebenen im Modus "umgekehrt multiplizieren", mit denen ich Intensität und Weite der Überstrahlung regle.

Wer mit Kanälen und Ebenen gut vertraut ist, kann gleich unten weiter lesen. Für alle Anderen will ich etwas weiter ausholen:

Spitzlichter als Kanal

Eine bestehende Auswahl kann als Kanal gespeichert werden (unter dem Menüpunkt "Auswahl" >> "Auswahl speichern..."). Der Vorteil davon ist, daß ich einen Kanal leichter bearbeiten kann als dieses komische Geflimmere einer Auswahl. Aber wo ist überhaupt der Kanal oder die Auswahl, womit ich arbeiten könnte?

Nun, ich baue mir den passenden Kanal nach meinen Wünschen auf! - Als Grundlage verwende ich die Helligkeitsinformation meines Bilds. Im RGB-Bild bekomme ich die folgendermaßen:

  1. "Fenster" >> "Kanäle" öffnen
  2. Strg-Taste (Windows) bzw. Cmd-Taste (Mac) gedrückt halten
  3. mit der Maus in den Sammelkanal RGB klicken
  4. es flimmert die Auswahl
  5. unter "Auswahl" >> "Auswahl speichern..." als neuen Kanal abspeichern
  6. Auswahl aufheben

Ich habe jetzt einen Kanal, der die aus den drei Farbkanälen extrahierte Heligkeitsinformation als Graustufenbild enthält. Mich interessieren davon aber nur die hellsten Bereiche. Also klicke ich in den frisch geschaffenen Kanal, öffne die Gradationskurve und verforme die nach Lust und Laune, bis in meinem Kanal fast nur noch Schwarz und Weiß vorkommen:

Kanal wird Ebene

Nachdem ich jetzt meine Spitzlichter, die später überstrahlen sollen, als Kanal hab, ist es leicht, daraus eine Ebene herzustellen, die ich dann weiter bearbeiten kann:

  1. Strg-Taste (Windows) bzw. Cmd-Taste (Mac) gedrückt halten
  2. mit der Maus in den gerade eben bearbeiteten Kanal klicken
  3. es flimmert jetzt eine Auswahl um die Spitzlichter
  4. Strg-Taste (Windows) + J bzw. Cmd-Taste (Mac) + J drücken
  5. im Fenster "Ebenen" ist eine neue Ebene zu sehen, die nur die Spitzlichter enthält

Überstrahlung = Weichzeichnung

Darauf, daß man die Spitzlichter zur Überstrahlung weichzeichnen sollte, kommt man relativ bald - es ist einfach naheliegend. Aber das Ergebnis ist enttäuschend. Es ist nur so eine Art Nebel an den betreffenden Stellen entstanden, was sehr unrealistisch aussieht.

Abhilfe bietet ein anderer Ebenenmodus (dort, wo im Screenshot rechts jetzt noch "Normal" steht). Mit Umgekehrt multiplizieren geht es schon deutlich besser, die Spitzlichter überstrahlen jetzt wirklich sichtbar.

Den Ebenenmodus verstehen

Manche der Ebenenmodi haben recht dubiose Bezeichnungen, unter denen man sich entweder gar nichts oder was Falsches vorstellt: "Umgekehrt multiplizieren" ist auch so ein Kandidat. Was wird womit multipliziert? Und was soll "umgekehrt" dabei heißen? Schließlich ergibt doch bekanntlich 2*3 dasselbe wie 3*2, oder etwa nicht?

Weil Photoshop mit Pixeln arbeitet und die je nach gewähltem Ebenenmodus auf unterschiedliche Art miteinander verrechnet, ist dieses irritierende "Umgekehrt multiplizieren" intern natürlich einfach eine Rechenregel:

C = 1 - (1 - A) * (1 - B)
wobei A und B für die beiden Ebenen steht

Schön zu wissen - aber bei der praktischen Arbeit am Bild kann ich mir jetzt immer noch nicht mehr vorstellen! Das ändert sich, wenn wir wissen, was für einer Tätigkeit auf Fotografie bezogen das entspricht. Ich gehe zum besseren Verständnis einen halben Schritt zurück:

  • Der Ebenenmodus "Multiplizieren" entspricht einfach dem direkten Aufeinanderlegen von 2 Dias; man montiert ein Sandwich - jedem Diafotografen früher etwas Selbstverständliches.
  • Der Ebenenmodus "Umgekehrt multiplizieren" macht intern dasselbe mit den Negativen, wovon wir aber das Ergebnis gleich wieder als Positiv gezeigt bekommen - sehr komfortabel für uns!

Weil ich früher viel in der Dunkelkammer gearbeitet hab, würden mir natürlich die Ebenenmodi "Dia-Sandwich" und "Negativ-Sandwich" sofort was sagen, während diese Begriffe für den reinen Digitalfotograf vermutlich nur Bahnhof wären. - Ein Problem der geeigneten Metapher eben, was zeigt, daß die optimale Benennung nicht einfach ist.

Und noch ein Trick

Der Effekt läßt sich noch deutlich verbessern, wenn man die Ebene mit den weichgezeichneten, auf "Umgekehrt multiplizieren" gesetzten Spitzlichtern noch einmal dupliziert, vielleicht sogar noch ein drittes Mal - einfach ausprobieren. Man kriegt auf diese Art die Überstrahlung fast beliebig stark. Natürlich bekommt das Bild extrem helle Flecken. Aber nicht gleich erschrecken, sondern die Deckkraft der aufliegenden Ebenen einfach etwas zurück nehmen, bis es paßt.

Wer mit der Ebenenmaske umgehen kann, wird bestimmt partiell auch da oder dort auch noch damit Feinarbeiten durchführen. Solange die Ebenen noch nicht auf die Hintergrundebene reduziert wurden, sind noch alle Möglichkeiten offen!

Welche Werte sind am besten?

Auch da ist einfach ausprobieren angesagt. Der Weichzeichner darf aber schon eher kräftig ausfallen. Bei Bildern mit 2000 x 3000 Pixel probiere ich es als Startwert meist mit 30-40 Pixel Weichzeichnung. Je nachdem, wieviele kleine Details erhalten werden sollen. Und am Ende der Bearbeitung noch eine Nachkorrektur von Kontrast und Schärfe zu machen ist sicher auch kein Schaden.

Vorteile?

Natürlich kann man sagen, so ein Blödsinn, das mach ich doch lieber gleich bei der Aufnahme! Klar, das kann man machen. Ich hab mir das genauer angeschaut und auch ziemlich viel ausprobiert. Eine größere Serie so zu bearbeiten, macht sicher etwas Arbeit - aber auch nicht übertrieben viel, wenn man einmal "eingeschossen" ist. Ich habe für die Überstrahlungs-Erzeugung und -Einstellung pro Motiv etwa 2-3 Minuten zusätzlichen Zeitaufwand gebraucht.

Als Vorteil empfinde ich, daß ich bis ganz zum Schluß ja mit getrennten Ebenen arbeite und deshalb trotz starken Überstrahlungen ein knackscharfes Kernbild behalten kann, wenn ich das so will. Darin sehe ich vor allem für Arbeiten mit der Ebenenmaske interessante zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten, weil mir sozusagen da ganze Spektrum an Möglichkeiten von weich bis scharf zur Verfügung steht. Ich kann auch erst in einem späten Stadium der Bearbeitung entscheiden, was ich jetzt wirklich wie mixen will.

Hier noch einmal das Bild vorher und nachher: