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Nur Portraitfotos?

Portraitfotografie wird oft abfällig als etwas Belangloses, fast Minderwertiges angesehen. Dahinter steckt dann die heimliche Botschaft: Viel lieber würde ich natürlich Akt fotografieren, aber leider konnte ich mein kostenlos aufgetriebenes Amateurmodel dazu nicht überreden.

Ich finde, wer so herangeht, sollte lieber gleich auf den Fototermin verzichten, weil dann kaum was Lohnendes dabei rauskommen wird - und schon gar keine Bilder, die geeignet sein werden, das Model vielleicht doch noch zu Aktaufnahmen zu überreden!

Gute Portraits sind mit Sicherheit nicht einfacher als gute Aktaufnahmen. Es ist nur ein anderer Schwerpunkt, auf den es dabei ankommt.

Schaufensterpuppengesichter

Gehen wir mal davon aus, daß unser hypothetischer Fotograf sich wirklich ernsthaft Mühe geben will. Wenn er aufmerksam ist, wird er merken, was die Schokoladenseite seines Models ist und was er besser vermeiden sollte. Das ist aber noch nicht mal die halbe Miete, denn bei Portraits steht das Gesicht im Mittelpunkt und damit auch der Ausdruck. Puppenhafte Gesichter, die auf allen Bildern gleich starr und versteinert wirken, sind meistens nicht so gewollt. Sie zeigen, daß Model und Fotograf angespannt sind. Ein natürlich wirkender Ausdruck wird dabei unterdrückt, denn man versucht bewußt oder unbewußt zu kontrollieren.

Das Ganze liest sich so leicht und einleuchtend, ist aber längst nicht so leicht in der Praxis umzusetzen. Ganz ehrlich: Ich empfinde Portraits als eine der schwierigsten Aufgaben der Menschenfotografie überhaupt. Wenn sich der Fotograf der Probleme bewußt ist, sich Mühe gibt und nicht total tolpatschig ist, wird es es warscheinlich soweit befriedigend hinkriegen, daß die Bilder vorzeigbar sind.

Zwischen »vorzeigbar« und »gut« liegen Welten

Das liegt vor allem daran, daß ein motivierter Fotograf, der sich über die Probleme etwas schlau gemacht hat, die schlimmsten Fehler vermeiden kann und deshalb zu einigermaßen brauchbaren Ergebnissen kommen wird.

Viele übersehen aber, daß ein Newcomer-Model eine Art von sensibler Unterstützung braucht, die nicht bei einer einzigen Fotosession zu leisten ist. Ein halbwegs aufmerksames Model wird bald seine "Problemseiten" kennen und vermeiden. Das ist auch gut so - aber es reicht nicht: Sobald ein Model über ein paar wenige vorteilhafte Standardposen verfügt, wird sie natrürlich oft darauf zurückgreifen. Der Fotograf wird dadurch entlastet. Etwas richtig Schlimmes kann er jetzt kaum mehr anstellen (manche schaffen es doch immer wieder...). Die Portraits können sich sehen lassen - aber sie sehen überwiegend alle gleich aus. Und das macht sie ziemlich langweilig.

Bescheidenheit

Das meine ich durchaus ernst: Bescheidenheit ist angesagt. Ein Model, das keine groben Schnitzer mehr macht, ist schon viel Wert, auf zweierlei Art:

Mit "Bescheidenheit" meine ich, daß der Fotograf gut daran tut sich kritisch zu überlegen, wie konkret seine Bildideen überhaupt sind. Oft wird man dabei zugeben müssen, daß man auf ein blindes "das wird sich schon noch finden" vertraut. Kein Beinbruch, wenn man das erkennt. Aber es ist dringend zu empfehlen, einem Model, das das reine Anfängerstadium überwunden hat, wenigern reinzureden und nur dann, wenn man wirklich genau weiß, was man will. - Ich hab oft genug erlebt, daß ich scheinbar so tolle Bildideen auftische und durchzudrücken versuche, um nachher festzustellen, daß alles ziemlich steif und künstlich wirkt.

Auf den Punkt gebracht:

Anspruchsvolle Portraitfotografie (jedenfalls die, wie ich sie meine) ist deshalb alles andere als trivial, weil sie mit der Fähigkeit des Models steht und fällt mehr als nur einen einzigen "Standardblick" drauf zu haben.

Wer einmal aufmerksam darauf achtet wird feststellen, daß man das von einem durchschnittlichen Model nicht erwarten kann. Natürlich gibt es Posen, die man "abrufen" kann, aber für ein ernsthaftes Portrait taugt so etwas nicht, weil man die Künstlichkeit sofort sehen würde. Für ein gutes Portrait sind schauspielerische Fähigkeiten gefragt.

Auch der Fotograf sollte aber nicht nur die Hände in den Schoß legen: Jetzt ist der Moment, wo er seine Ideen einbringen sollte. Und zwar nicht nur als banale Anweisung für eine Pose (dreh den Kopf etwas nach links), sondern das Model wartet auf eine Anweisung, welche Stimmung der Fotograf sehen will. Natürlich muß das auch passen und darf nicht einfach willkürlich sein. Outfit und Styling sind nicht beliebig, sondern sie gehören so geplant, daß die Grundstimmung bzw. die Spannweite der Stimmungen, die man fotografieren möchte, damit harmonieren.

Ich habe mit Absicht hier dicht beieinander sehr verschiedene Portraits desselben Models zusammen gestellt, um deutlich zu machen, welcher weite Spielraum zur Verfügung steht, wenn das Model entsprechend flexibel im Ausdruck ist und die Zusammenarbeit mit dem Fotograf harmoniert.

Was heißt das konkret?

Es heißt, daß die Portraitfotografie, von der ich hier schreibe, natürlich eine spezielle ist, die sicher nicht damit abzuhandeln ist, daß man sagt, so, jetzt schau mal schön freundlich, damit ich dich auch vorteilhaft knipsen kann! Ausdrucksstarke Portraits müssen längst nicht immer in erster Linie "vorteilhaft" sein.

Für mich zählt etwas gemeinsam ausdrücken zu wollen und das dann so in ein Bild zu bannen, daß man zweimal hinschaut. Sehr wichtig sind mir dabei die Augen, die oft mehr ausdrücken können als jede Ganzkörper-Pose. Die Todsünde der Portraitfotografie ist deshalb auch, das Model durch eine ungeschickte Anweisung des Fotografen ins Leere schauen zu lassen (es sei denn, genau das ist einmal gerade gestalterisch gewünscht, was aber die absolute Ausnahme sein dürfte). Ins Leere schauen bedeutet, daß der Blick nichts fokussiert. Ein solcher Blick wirkt hohl und tot. Ein erfahrenes Model wird sich immer einen Punkt suchen, auf den der Blick gerichtet ist, und ein erfahrener Fotograf weiß, daß er bei einem unerfahrenen Model genau darauf sehr aufmerksam achten muß. Deshalb sind Anweisungen wie "guck etwas weiter nach links" bei einem Newcomer-Model strikt verboten (stattdessen könnte es heißen: "schau auf den Sprung in der Scheibe dort links!"). - Ist klar geworden, was ich meine?