Vor allem Studiofotografen sind es gewohnt sich ihre Lichtsituation selber zusammen zu mixen. Blitz scheint ihnen »für gute Bilder« einfach unverzichtbar.

Überlegen Sie, worauf es Ihnen bei Ihrer Fotografie ankommt: Möchten Sie basteln und haben vor allem Spaß dran möglichst viel Technik einzusetzen? Dann sind Sie aber eindeutig im Studio besser aufgehoben, weil Sie dort ja sowieso von Null auf Ihre Ausleuchtung zu bauen beginnen.
Selbstverständlich ist nichts verwerflich dran, wenn Sie nach sorgfältigem In-Sich-Gehen zu dem Schluss kommen: Ich mach das einfach gerne; hier noch ein sachte dosierter Aufhellblitz, dort ein Reflektor, das ist ein Teil meines fotografischen Hobbys, der für mich Genuss bedeutet. Ist es so? Dann lassen Sie lieber die Finger weg von Available Light Fotografie und gehen Sie glech ins Studio.
Da Available Light oft auch spärliches Licht bedeutet, stehen Sie vor der Frage, ob Sie mit dem eingestellten ISO-Wert hoch gehen oder lieber zum Stativ greifen und entsprechend lange Belichtungszeiten in Kauf nehmen. Meistens ist das keine willkürliche Entscheidung. Das Bild links mit dem Raucher würde wohl wenig überzeugen, wenn er in der Bewegung hochgradig verwischt abgebildet wäre. Hier bleibt also keine Alternative.
Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass das Bild mit ISO 3200 aufgenommen wurde mit einer Kodak D300 (also eine ganz durchschnittliche Kamera heute), werden Sie sich wahrscheinlich wundern, wieso kein Rauschen zu sehen ist. Das ist vor allem dem RAW-Konverter von Photoshop CS5 zu verdanken, der bei etwas Fingerspitzengefühl sehr beeindruckende Resultate bringt.

Sie als Fotograf entscheiden, was Sie wie abbilden wollen. Bei Sonnenschein sind selbst bei weit geschlossener Blende die Belichtungszeiten so kurz, dass Verwischung kam ein Thema ist, wenn nicht gerade ein sehr schnell bewegtes Objekt fotografiert wird.
Das finde ich oft schade, weil ich Unschärfe durch Bewegung gerne als Gestaltungsmittel einsetze. Eine Möglichkeit ist natürlich die Verwendung eines Neutralgrau-Filters. Darauf will ich hier nicht eingehen, denn bei Available Light geht es meist ohne.
Das Bild rechts zeigt das. Die Kamera war natürlich auf dem Stativ (obwohl nicht einmal das so schnell nötig wird, wenn man ein Objektiv mit Verwackelungs-Reduktion benutzt). Es versteht sich von selbst, dass das Model natürlich ruhig stehen muss. Das ist leichter gesagt als getan. Kaum ein Mensch kann mehrere Sekunden lang völlig still halten. Und wenn doch, dann sieht man die dafür nötige Anspannung und Konzentration als recht unnatürliche Haltung. Ich vermeide deshalb möglichst Zeiten über 1/2 Sekunde, wenn Menschen im Bild scharf abgebildet werden sollen.

Da ist ein bisschen Aufmerksamkeit und Fantasie gefragt. Natürlich kann man zusätzlich zum vorhandenen Licht dezent dosiert eigene Lichtquellen einsetzen, wenn man das nun unbedingt tun will. Für Available Light finde ich das aber keine gute Idee, denn ich möchte ja gerade die Lichtstimmung wiedergeben - warum sollte ich sie dann vorher verändern?
In dem Bild rechts kommt das Licht für das Model einfach aus drei großen Glasvitrinen, die knapp links vom Ende des Bildausschnitts stehen. Das ist eine angenehm wirkende großflächige Lichtquelle, die fast wie eine riesige Lichtwanne im Studio wirkt (eine Idee härter allerdings).
Auch im Bild darüber sind es einfach große Schaufenster auf der rechten Seite. Ich denke, es ist gut zu sehen, dass das sehr brauchbare Lichtquellen auch für Modelfotografie sind.
Eine blöde Frage, meinen Sie? Das ist es ganz und gar nicht. Das merken Sie schon daran, wenn Sie mal beobachten, wie sich Ihre eigene Wahrnehmung nach einigen Minuten verändert, wenn Sie vom Hellen ins Dunkle kommen. Und zurück genauso, nur andersrum und schneller. In jeder Lichtstimmung steckt eine Menge mehr drin als man im ersten Moment davon wahrnimmt. Überlegen Sie sich bei Available Light deshalb immer sorgfältig, was es ist, das Ihren Blick anzieht - und ob es auch das ist, was Ihnen im Bild wichtig ist. Es ist Ihre Aufgabe als Fotograf diese beiden Faktoren abzuwägen und aufeinander möglichst gut abzustimmen. Das ist einer der Gründe, wieso mich die Arbeit mit vorhandenem Licht so reizt. Während der Studiofotograf zuerst seine Bildidee hat und dazu sein Licht baut, geht es mir oft andersrum: Eine interessante Lichtsituation zieht meinen Blick an und ich beginne mir zu überlegen (jetzt am Beispiel Modelfotografie), wie ich das Model »einbauen« möchte.
Damit meine ich natürlich nicht, dass ich mich nur nach dem Licht richte und alles andere - inklusive Model - nur Staffage wäre. Selbstverständlich weiß ich schon (und habe es auch mit dem Model abgesprochen), was ich insgesamt umsetzen will. Die Lichtsituation sehe ich dabei mehr als eine Art »Katalysator«.

»Geheimnisvolles Licht«, die Besonderheit der Available Light Fotografie oft, wartet auf den interessierten Fotografen fast wie auf dem Präsentierteller an vielen Orten.
Das können Orte sein, die tagsüber sogar recht unscheinbar und fotografisch auch nicht besonders lohnend sind und erst in der Dämmerung zu ihrem fotografisch interessanten Leben erwachen. Es liegt an Ihnen, ob Sie mit Kamera und Stativ bepackt losziehen oder sich lieber hinterm warmen Ofen verkriechen und drüber klagen, dass ja eh alles schon zigtausendfach fotografiert worden sei. - Von Ihnen wirklich auch???