Untermenüs finden Sie am Seitenende.

Available Light: Fotografie bei wenig Licht

Worum es hier geht:

Available light - übersetzt heißt das ja »verfügbares Licht«. Tatsächlich gemeint ist damit aber fast immer die Fotografie mit recht spärlichem Licht; so viel, wie eben von alleine vorhanden ist. Selbstverständlich ist es nicht zwingend nötig, dass man sich das antut, denn mobile Bllitzanlagen machen doch fast alles möglich. Ich bin kein Freund davon: Mit entsprechendem Aufwand und Können ist zwar oft beeindruckende Ausleuchtung hinzukriegen, aber wirklich begeistern tut mich das nicht. Ich finde, der Unterschied zwischen Available Light und künstlich geschaffener Licht-Atmosphäre ist ungefähr der selbe wie zwischen natürlicher Oberweite und Silikonbusen. Und bei Plastikmöpsen schüttelt's mich nun mal richtig...

Available Light: Licht nehmen wie es kommt

Vor allem Studiofotografen sind es gewohnt sich ihre Lichtsituation selber zusammen zu mixen. Blitz scheint ihnen »für gute Bilder« einfach unverzichtbar.

Da wird wohl kaum jemand zweifeln: Wer hier blitzt, der erschlägt eindeutig die vorhandene Stimmung.

Es gibt aber viele Situationen, in denen jedes künstlich eingesetzte Licht die Stimmung verändert und oft sogar die Atmosphäre einfach kaputt macht.

Was ist Ihr Ziel?

Überlegen Sie, worauf es Ihnen bei Ihrer Fotografie ankommt: Möchten Sie basteln und haben vor allem Spaß dran möglichst viel Technik einzusetzen? Dann sind Sie aber eindeutig im Studio besser aufgehoben, weil Sie dort ja sowieso von Null auf Ihre Ausleuchtung zu bauen beginnen.

Selbstverständlich ist nichts verwerflich dran, wenn Sie nach sorgfältigem In-Sich-Gehen zu dem Schluss kommen: Ich mach das einfach gerne; hier noch ein sachte dosierter Aufhellblitz, dort ein Reflektor, das ist ein Teil meines fotografischen Hobbys, der für mich Genuss bedeutet. Ist es so? Dann lassen Sie lieber die Finger weg von Available Light Fotografie und gehen Sie glech ins Studio.

Hoher ISO-Wert oder lange Belichtungszeiten?

Da Available Light oft auch spärliches Licht bedeutet, stehen Sie vor der Frage, ob Sie mit dem eingestellten ISO-Wert hoch gehen oder lieber zum Stativ greifen und entsprechend lange Belichtungszeiten in Kauf nehmen. Meistens ist das keine willkürliche Entscheidung. Das Bild links mit dem Raucher würde wohl wenig überzeugen, wenn er in der Bewegung hochgradig verwischt abgebildet wäre. Hier bleibt also keine Alternative.

Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass das Bild mit ISO 3200 aufgenommen wurde mit einer Kodak D300 (also eine ganz durchschnittliche Kamera heute), werden Sie sich wahrscheinlich wundern, wieso kein Rauschen zu sehen ist. Das ist vor allem dem RAW-Konverter von Photoshop CS5 zu verdanken, der bei etwas Fingerspitzengefühl sehr beeindruckende Resultate bringt.

Interessante Geisterbilder von Fußgängern entstehen bei Belichtungszeiten ab ungefähr 1/4 Sekunden.

Verwischungen gezielt einsetzen

Sie als Fotograf entscheiden, was Sie wie abbilden wollen. Bei Sonnenschein sind selbst bei weit geschlossener Blende die Belichtungszeiten so kurz, dass Verwischung kam ein Thema ist, wenn nicht gerade ein sehr schnell bewegtes Objekt fotografiert wird.

Das finde ich oft schade, weil ich Unschärfe durch Bewegung gerne als Gestaltungsmittel einsetze. Eine Möglichkeit ist natürlich die Verwendung eines Neutralgrau-Filters. Darauf will ich hier nicht eingehen, denn bei Available Light geht es meist ohne.

Das Bild rechts zeigt das. Die Kamera war natürlich auf dem Stativ (obwohl nicht einmal das so schnell nötig wird, wenn man ein Objektiv mit Verwackelungs-Reduktion benutzt). Es versteht sich von selbst, dass das Model natürlich ruhig stehen muss. Das ist leichter gesagt als getan. Kaum ein Mensch kann mehrere Sekunden lang völlig still halten. Und wenn doch, dann sieht man die dafür nötige Anspannung und Konzentration als recht unnatürliche Haltung. Ich vermeide deshalb möglichst Zeiten über 1/2 Sekunde, wenn Menschen im Bild scharf abgebildet werden sollen.

Münchner City Girl am Karlstor nachts um zwölf frei aus der Hand geschossen mit ISO 3200

Woher kommt das Licht?

Da ist ein bisschen Aufmerksamkeit und Fantasie gefragt. Natürlich kann man zusätzlich zum vorhandenen Licht dezent dosiert eigene Lichtquellen einsetzen, wenn man das nun unbedingt tun will. Für Available Light finde ich das aber keine gute Idee, denn ich möchte ja gerade die Lichtstimmung wiedergeben - warum sollte ich sie dann vorher verändern?

In dem Bild rechts kommt das Licht für das Model einfach aus drei großen Glasvitrinen, die knapp links vom Ende des Bildausschnitts stehen. Das ist eine angenehm wirkende großflächige Lichtquelle, die fast wie eine riesige Lichtwanne im Studio wirkt (eine Idee härter allerdings).

Auch im Bild darüber sind es einfach große Schaufenster auf der rechten Seite. Ich denke, es ist gut zu sehen, dass das sehr brauchbare Lichtquellen auch für Modelfotografie sind.

Wie »sehen« Sie Ihr Licht?

Eine blöde Frage, meinen Sie? Das ist es ganz und gar nicht. Das merken Sie schon daran, wenn Sie mal beobachten, wie sich Ihre eigene Wahrnehmung nach einigen Minuten verändert, wenn Sie vom Hellen ins Dunkle kommen. Und zurück genauso, nur andersrum und schneller. In jeder Lichtstimmung steckt eine Menge mehr drin als man im ersten Moment davon wahrnimmt. Überlegen Sie sich bei Available Light deshalb immer sorgfältig, was es ist, das Ihren Blick anzieht - und ob es auch das ist, was Ihnen im Bild wichtig ist. Es ist Ihre Aufgabe als Fotograf diese beiden Faktoren abzuwägen und aufeinander möglichst gut abzustimmen. Das ist einer der Gründe, wieso mich die Arbeit mit vorhandenem Licht so reizt. Während der Studiofotograf zuerst seine Bildidee hat und dazu sein Licht baut, geht es mir oft andersrum: Eine interessante Lichtsituation zieht meinen Blick an und ich beginne mir zu überlegen (jetzt am Beispiel Modelfotografie), wie ich das Model »einbauen« möchte.

Damit meine ich natürlich nicht, dass ich mich nur nach dem Licht richte und alles andere - inklusive Model - nur Staffage wäre. Selbstverständlich weiß ich schon (und habe es auch mit dem Model abgesprochen), was ich insgesamt umsetzen will. Die Lichtsituation sehe ich dabei mehr als eine Art »Katalysator«.

Available Light ist natürlich nicht nur Modelfotografie sondern wesentlich vielfältiger. Geheimnisvolles Licht findet der aufmerksame Fotograf an allen Ecken und Enden - wie hier am Wiener Westbahnhof.

Geheimnisvolles Licht

»Geheimnisvolles Licht«, die Besonderheit der Available Light Fotografie oft, wartet auf den interessierten Fotografen fast wie auf dem Präsentierteller an vielen Orten.

Das können Orte sein, die tagsüber sogar recht unscheinbar und fotografisch auch nicht besonders lohnend sind und erst in der Dämmerung zu ihrem fotografisch interessanten Leben erwachen. Es liegt an Ihnen, ob Sie mit Kamera und Stativ bepackt losziehen oder sich lieber hinterm warmen Ofen verkriechen und drüber klagen, dass ja eh alles schon zigtausendfach fotografiert worden sei. - Von Ihnen wirklich auch???

Available Light und Fotografie im Studio »beißen« sich gegenseitig nicht. Es sind einfach zwei Seiten einer schön glänzenden Medaille. Manche begeistern sich für beide, andere nicht (so wie ich - Studio langweilt mich inzwischen sehr). Das muss jeder Fotograf selber merken. Vermeiden sollten Sie aber eines: dass Sie auf Available Light los marschieren und wie mit dem Panzer die schöne, vielleicht fotografisch aber nicht immer einfach zu handhabende Lichtstimmung mit Blitz und mitgebrachten Lichtquellen platt walzen. Zeigen Sie Respekt vor dem, das Sie vorfinden!