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Menschen fotografieren mit Infrarot

Über den Tellerrand hinaus sehen:

Landschaftsaufnahmen sind wegen des spektakulären "Winterfeelings im Sommer" natürlich das naheliegendste Thema für Infrarot. Das heißt aber nicht, daß man Scheuklappen anlegen sollte, denn die IR-Kamera ist natürlich auch für viele andere Motive einsetzbar. Man wird merken, daß vieles auf den ersten Blick völlig ungeeignet scheint. Davon sollte man sich aber nicht schrecken lassen. Infrarotfotografie ist nichts für's schnelle Drauflosknipsen, sondern braucht oft sorgfältige Nachbearbeitung.

Fast wie Porzellan

Sauber ausgearbeitet und schon bei der Aufnahme die richtigen Vorkehrungen getroffen kann ein Infrarot-Portrait wunderbar verträumt wirken, weil die Haut sehr hell wiedergegeben wird und Pickel und Hautunreinheiten einfach verschluckt werden, da Rottöne im Infrarot ja fast weiß erscheinen.

Mit Vorkehrungen bei der Aufnahme meine ich, daß man sich bewußt sein sollte, daß ein ungeschminktes Gesicht natürlich sehr fahl aussehen wird, weil die Lippen fast denselben Tonwert haben werden wie die umgebende Haut. Das kann man entweder bewußt in Kauf nehmen, oder man verwendet einen im IR abdunkelnden Lippenstift. Am besten geht man mit IR-Kamera in die nächste Drogerie und fotografiert die nebeneinander liegenden Lippenstifte. Dann erkennt man auf dem Display gleich, welcher abdunkelt und welcher nicht.

Weil ich das hier vergessen hatte und der mitgebrachte dunkelrote Lippenstift im IR weiß war, mußten wir improvisieren und auf (man staune: braunen!) Lidschatten ausweichen. Ohne Versuchsaufnahme ist das fast nicht vorhersagbar.

Nicht erschrecken...

...wenn Sie zum ersten Mal den Effekt in Ihren Bildern finden, wie er hier links zu sehen ist. Ihr Modell muß dafür weder kurz vor dem Erfrierungstod stehen noch unter Krampfadern im fortgeschrittenen Stadium leiden.

Das Beispiel zeigt, daß im IR eben auch für uns Menschen teilweise oder ganz unsichtbare Details plötzlich ins Auge stechen können. Der Effekt tritt besonders stark auf der Schattenseite auf und ist wohl auch noch von anderen Faktoren beeinflußt, weil nicht immer vorhanden. Ich meine, es lohnt nicht, große Symptomforschung zu betreiben, sondern man sollte einfach damit rechnen, daß entsprechende Retusche nötig sein kann. Macht etwas Arbeit, ist aber durchaus zu bewältigen (Kurzbeschreibung: Auswahl mit weicher Kante erstellen, daraus neue Ebene erstellen, weichzeichnen, anschließed dezent Störungen hinzufügen und auf ca. 50% verblassen), ohne daß störende Spuren bleiben.

Problemzone Augen

Vor allem die Augen brauchen meistens Nacharbeit. Am Anfang wird man viele Bilder finden, die man für hoffnungslos verdorben hält. Tatsächlich ist man aber diese Art von "Fehlern" einfach nicht gewohnt. Rechts habe ich ein Beispiel ausgesucht, bei dem man natürlich sofort über die Schatten unter den Augen stolpert, die sich aber leicht beseitigen lassen. Das linke Bild zeigt an einem ganz ähnlichen Ausgangsbeispiel, was nach abgeschlossener Bearbeitung erreicht werden kann.

Bilder mit Umfeld

Nicht nur formatfüllende Portraits kommen in Frage, sondern das passend gewählte Umfeld kann natürlich noch das Tüpfelchen auf dem i dazu geben. Welche Bearbeitungen meistens nötig sein werden, wissen wir bereits. Ein solches Bild braucht also etwas Zeit, aber ich finde, daß es die Mühe wirklich lohnt.

P.S.: Der Schirm und das Kleid waren im sichtbaren Licht übrigens schwarz...

Wie lange dauert das?

Also ich will sicher nicht behaupten, daß die Ausarbeitung solcher Bilder schnell geht. Es wird erst einmal sogar ziemlich lange dauern und trotzdem keine einwandfreien Ergebnisse bringen. Man muß sich eben einarbeiten und Routine erwerben. Wenn man über diese Schwelle hinweg ist, hält sich der Zeitaufwand aber in Grenzen. Ich schaue selten auf die Uhr bei der Bildbearbeitung, weil ich das nicht als Akkordarbeit betreiben mag. Ich schätze aber, daß inzwischen meistens 15 bis 20 Minuten pro Bild reichen. Man kann es auch schneller schaffen, aber ich probiere meistens noch Verschiedenes aus (welche Tonung? welche Schärfung? welcher Kontrast? usw.).

Ich kann damit jedenfalls durchaus leben, ohne ungeduldig zu werden!

Noch ein Nachtrag:

Ich bin gerade drauf hingewiesen worden, daß Ergebnisse mit Blitz im Innenraum enttäuschend wären. Das kann durchaus möglich sein, habe dazu aber keine praktische Erfahrung, weil ich auch mit der normalen Kamera so gut wie nie mit Blitz fotografiere (es liegt mir einfach nicht, ehrlich gesagt; ich werd bei Gelegenheit in der Rubrik "Fotoschule" mal Näheres dazu schreiben). Falls aber mal jemand Lust dazu verspürt, auch in dieser Richtung zu experimentieren, wäre ich an den Resultaten natürlich auch interessiert.