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Gratis-Tutorial Fotoschule: Schärfentiefe oder Tiefenschärfe

Gezielt eingesetzte Schärfe oder Unschärfe ist ein sehr wirksames fototechnisches Gestaltungsmittel. Deshalb sollte man die Werkzeuge kennen, mit denen man hier Einfluß nehmen kann.

Begriffsklärung

Beides bedeutet dasselbe; Tiefenschärfe ist der alte Begriff, Schärfentiefe der modernere. Bei dem Bild rechts wurde natürlich auf das Model scharf gestellt. Trotzdem ist alles vom oberen Ende des Treppengeländers bis zur Wand im Hintergrund scharf. Das Bild hat eine hohe Schärfentiefe, also einen großen Schärfebereich von nah bis fern.

Ganz anders das linke Bild: Scharf eingestellt wurde auch hier wieder auf das Model, aber die Straßenszene im Hintergrund verschwindet in Unschärfe und kann nur noch erahnt werden.

Warum ist das so?

Die Einstellung der Blende beeinflußt die Schärfentiefe stark. Je weiter die Blende geöffnet wird, umso selektiver ist das Schärfeverhalten. Es wird überwiegend nur das scharf abgebildet, das sich genau in der Entfernung befindet, auf die ich eingestellt habe.

Die Schärfentiefe ist ein sehr wertvolles fotografisches Gestaltungsmittel, das man nicht desinteressiert der Vollautomatik überlassen sollte, weil man dann nämlich nicht mehr wirklich selbst bestimmt, wie das Bild aussieht. Man sollte sich klar machen, daß man die Aufmerksamkeit steuern kann indem man nicht beliebig alles gestochen scharf abbildet, sondern nur das, was einem wichtig ist. Den Rest läßt man in fein gesteuerter allmählicher Unschärfe "abtauchen".

Empfehlung 4:

Die Schärfentiefe kann man feiner dosieren, wenn man den Aufnahmestandpunkt so wählt, daß sich die Teile des Motivs, die man hervorheben möchte, ungefähr gleich weit entfernt von der Kamera befinden. Man kann dann die Aufnahme mit weiter geöffneter Blende machen.

Die gezielte Steuerung der Schärfe im Bild empfinde ich als sehr wichtig. Ich benutze deshalb häufiger die Teilautomatik meiner Kamera, bei der ich die Blende vorwählen kann und nicht die für die Belichtungszeit. Sofern es hell genug ist sieht man einem Bild nämlich meistens nicht an, ob es nun mit 1/125 oder 1/2000 Sekunde fotografiert wurde (schnell bewegte Motive natürlich ausgenommen!), aber ob die Blende offen oder weit geschlossen war fällt viel eher auf. Wer es gern etwas mehr automatisiert hat sollte sich die Motivprogramme seiner Kamera einmal genauer ansehen. Darunter findet sich sicher auch eines, das geringe Schärfentiefe bevorzugt.

Sonderfall Kompakt-Digicams

Diese Kameras haben einen im Vergleich zum konventionellen Kleinbildfilm (Negativgröße 24 x 36 mm) ziemlich kleinen Sensor. Weil das Objektiv ja immer an das Aufnahmeformat angepaßt sein muß, arbeiten diese Kameras gezwungenermaßen mit sehr kurzen Brennweiten (das Thema Brennweite kommt in Lektion 3). Nun hängt aber die Schärfentiefe nicht nur von der Blende ab, sondern auch von der Brennweite. Das führt dazu, daß die Kompakten außer im extremen Nahbereich eigentlich immer relativ starke Schärfentiefe haben. Ein deutlich begrenzter selektiver Schärfebereich wie bei dem Bild oben links läßt sich bei diesen Kameras gar nicht einstellen. Schärfentiefe als Gestaltungsmittel scheidet bei diesen Kameras weitgehend aus. Es ist praktisch immer alles von nah bis fern scharf.

Wieviel Schärfentiefe ist richtig?

So gestellt macht die Frage keinen Sinn! Wieviel Schärfentiefe ich für ein bestimmtes Bild ideal finde ist letzten Endes immer eine rein individuelle Entscheidung. Sie ist ein Gestaltungsmittel unter vielen, und es ist sicher kein MUSS sich an starre Regeln zu halten. Ich finde, die Art, wie ein Fotograf die Schärfentiefe in seinen Bildern einsetzt, ist oft ein Teil seiner Bildsprache und hilft dabei, seine Fotos wiedererkennbar unter vielen zu machen. Allein schon deshalb ist es der Mühe wert, diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken.

So gehe ich vor:
Ich überlege mir bei jedem Bild, welches mir die gestalterisch wichtigsten Elemente sind und versuche nach Möglichkeit immer ein Hauptmotiv zu haben, auf das ich fokussiere. Bei dem hier gezeigten Bild ist es das Gesicht des Models. Sie wird gerade geschminkt - es ist kein inszeniertes Bild, sondern eher ein Schnappschuß. Das möchte ich atmosphärisch einfangen, deshalb brauchen die Hand und der Lidstift auch volle Schärfe. Mehr Schärfe braucht dieses Bild nach meinem Empfinden nicht; ich finde, es würde ihm sogar schaden. Der Fensterwand im Hintergrund ist schon ziemlich unscharf, aber man erkennt zweifelsfrei, daß es eine Szene im Inneren eines Gebäudes ist. Der Schärfeabfall nach hinten gibt dem Raum Tiefe. Daß auch in Richtung Vordergrund die Schärfe bereits wieder etwas abfällt, finde ich für dieses Bild passend. Es setzt den Akzent klarer.

Wer das hier als Neuling liest denkt wahrscheinlich, du liebe Zeit, das muß ja eine Ewigkeit dauern so ein Bild zu machen! Ganz so ist das nicht, denn sonst würde ja etwas wie das hier gezeigte Bild nie funktionieren. Ich gebe aber zu, daß meine Bilder keine Schnellschüsse sind. Ich beobachte erst mal, und ich gucke kritisch durch den Sucher. Dann ist es auch kein Problem die nötigen Entscheidungen für den Bildaufbau zu treffen. Die Beschreibung liest sich lang, aber wenn einem die Arbeitsweise vertraut ist, dauert die Umsetzung wirklich keine Ewigkeit. Ich empfehle deshalb jedem, sich mal ein paar Stnden Zeit zu nehmen und systematisch mit der Schärfentiefe zu spielen. Man entwickelt dann schnell ein Gefühl dafür.

Empfehlung 5:

Der Blick durch den Sucher gibt keine Rückmeldung darüber wie die Schärfentiefe im fertigen Bild ausfallen wird, denn man sieht im Sucher immer den Eindruck bei ganz offener Blende - also geringst mögliche Schärfentiefe. Auch wenn ich die Blende um einige Stufen schließe, merke ich im Sucher nichts davon. Die Blende springt erst für einen winzigen Augenblick zu, wenn ich auslöse. Deshalb sollte man mal nachschauen, ob die eigene Kamera eine Abblendtaste hat, mit der sich zur Kontrolle der Schärfentiefe die Blende kurzzeitig schließen läßt (das Sucherbild wird dabei dunkler, aber man sieht trotzdem noch was). Eventuell bietet die Kamera auch eine andere sinnvolle Funktion zur Kontrolle des Schärfebereichs - also Bedienungsanleitung lesen!