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Gratis-Tutorial Fotoschule: Die richtige Belichtung

Die Belichtung ist nicht trivial

Es trifft zwar zu, daß die Belichtungsmessung moderner Kameras mit ihren vielen Meßfeldern Fehlbelichtungen seltener gemacht hat, aber auch die beste Automatik kann dem Fotograf nicht die Entscheidung abnehmen, welche Lichtstimmung seine Aufnahme bekommen soll. An einem alten Handbelichtungsmesser lassen sich die dafür wichtigen Zusammenhänge am besten erläutern.

Nachdem wir jetzt Einstellmöglichkeiten für die Belichtung kennen, sollten wir uns dem Thema Messung und Wahl der richtigen Belichtung näher zuwenden.

Das links zu sehende, für heutige "Digitalzeiten" schon nostalgisch anmutende Gerät ist ein Handbelichtungsmesser der Firma Gossen. Ich habe ihn noch immer dabei, weil er Dinge kann, die auch die raffinierteste Belichtungsautomatik und Mehrfeldmessung nicht bieten kann - aber dazu später noch mehr.

Die Zusammenhänge verstehen

Der Handbelichtungsmesser zeigt die Zusammenhänge für die Belichtung viel unmittelbarer als eine moderne Kamera. Ich habe einige Stellen farbig markiert:

Rote Markierung:
Hier ist die eingestellte Empfindlichkeit abzulesen (also der ISO-Wert heute - hier noch mit der alten Bezeichnung ASA, was aber den gleichen Zahlenwert hat und zusätzlich mit dem deutschen Maßsystem DIN). Eingestellt ist der Belichtungsmesser gerade auf ISO/ASA 400, was 27 DIN entspricht.

Blaue Markierung:
Jede Menge Zahlen! Bei genauerem Hinsehen kann man erkennen, daß sich jeweils ein Blendenwert und eine Belichtungszeit zugeordnet sind.

Zeit '4 ... '60 ... '250 ...
Blende 16 ... 4 ... 2 ...

In der Tabelle sind drei wahllos herausgegriffene Zahlenpaare zu sehen. Die Schreibweise mit dem ' wurde aus Platzgründen für den Bruch gewählt (also 1/4 Sekunde, 1/60 Sekunde und 1/250 Sekunde). Alle diese Wertepaare und die in der Tabelle nicht gezeigten, die man aber auf dem Belichtungsmesser noch findet, ergeben exakt dieselbe Belichtung, lassen also die identische Menge Licht zum Film oder Sensor durch. Wir können also frei nach Lust und Laune ein solches Wertepaar wählen. Nehmen wir an, wir möchten für ein Normalobjektiv mittlere Schärfentiefe, so würden wir z.B. die Kombination 1/30 Sekunde und Blende 5,6 wählen und an der Kamera im manuellen Modus einstellen.

Man sollte sich bewußt machen, daß der Handbelichtungsmesser lediglich ein Meßinstrument ist, das dazu dient bestimmte Meßwerte zu erhalten. An der Kamera kann der Handbelichtungsmesser selbstverständlich nichts verändern, sondern alle Werte können nur von Hand übertragen werden!

Das mag umständlich erscheinen, hat aber auch einen sehr großen Vorteil: Diese Arbeitsweise zwingt fast schon dazu zu beurteilen, welche Meßwerte direkt übernommen werden können und welche vielleicht einer Korrektur bedürfen. - Wir kommen später noch dazu.

Grüne Markierung:
Wenn wir ohne einen genaueren Blick auf diesen Bereich einfach die Zeit-Blenden-Kombination ausgeselesen haben, sind wir gerade auf dem besten Weg ein um 3 Blendenstufen unterbelichtetes Bild zu produzieren! Zu sehen sind mehrere Zahlenwerte und ein Zeiger, der momentan auf den linken Extremwert "Mond 3" zeigt. Damit unsere Belichtungsmessung aber einen sinnvollen Wert ergibt, sollte der Zeiger in unmittelbarer Nähe des Wertes 0 stehen. Um den Zeiger auf Null zu bringen, verdreht man die beiden Rechenscheiben.

Gelbe Markierung: In der gelben Markierung sehen wir die Diffusorkalotte. Dahinter befindet sich die Meßzelle. Die Diffusorkalotte hat eine wichtige Funktion für Handbelichtungsmesser. Man kann damit zwischen zwei ganz verschiedenen Messarten wählen, der Objektmessung und der Lichtmessung.

Verschiedene Meßmethoden

Die Objektmessung (die Diffusorkalotte wird dafür zur Seite geschoben) ist dasselbe Messprinzip wie bei jeder modernen Kamera auch. Man peilt das zu messende Objekt an. Gemessen wird das Licht, das vom angepeilten Objekt zurückgeworfen wird. Ein solcher Meßwert wird natürlich von Farbe und Oberflächenstruktur des angepeilten Objekts beeinflußt (helle oder dunkle Objekte, tiefmatt oder spiegelnd usw.). Das bedeutet, daß man den Meßwert nicht einfach kritiklos übernehmen darf, sondern interpretieren sollte, um Fehlbelichtungen zu vermeiden (wir kommen noch näher darauf). Auch die modernste Kamera mit noch so raffinierter Mehrfeldmessung usw. kann aber nicht wissen, was für ein Objekt wir gerade im Sucher haben. Kommt also etwa der Meßwert davon, daß wir ein weißes Schneefeld an einem trüben Tag fotografieren wollen, das natürlich auch nachher im Bild weiß sein soll, oder haben wir die Kamera nur auf eine graue Wand in der Mittagssonne gerichtet, die sicher auch im Bild grau bleiben sollte? Für die Belichtungsautomatik der Kamera ist Beides dasselbe. Dessen sollte man sich bewußt sein.

Ganz anders sieht es bei der Lichtmessung (Diffusorkalotte vor der Meßzelle, also wie hier gezeigt) aus: In diesem Modus mißt der Handbelichtungsmesser die vorhandene Lichtmenge unabhängig von jeden Eigenschaften des zu fotografierenden Objekts. Es wird also einfach ermittelt "wie hell es ist". Bei der Lichtmessung geht man zum zu fotografierenden Objekt hin und richtet den Handbelichtungsmesser in Richtung Kamera, also genau umgekehrt wie bei der Objektmessung. Von der Genauigkeit her ist die Lichtmessung vorzuziehen, weil der Meßwert praktisch keine Korrektur nötig hat. Der Nachteil ist natürlich, daß diese Art der Belichtungsmessung wesentlich langsamer ist und es auch nicht immer möglich ist, zum Objekt hinzugehen. Man behilft sich dann als gute Näherung durch eine Messung am beleuchtungsgleichen Ort, den man oft in erreichbarer Nähe finden kann.

Auch wenn der Belichtungsmesser in der Kamera natürlich keine Lichtmessung bieten kann, weil er ja hinter dem Objektiv sitzt, läßt sich diese Meßmethode nachahmen: Bei problematischen Motiven (das sind alles solche, die von der durchschnittlichen Objekthelligkeit abweichen, also z.B. große Schneeflächen im Bild, ein sehr dunkler Wald im Hintergrund des eigentlichen Motivs usw.) mißt man als Vergleichswert einfach eine unproblematischere Fläche an, z.B. den eigenen Handrücken. Wenn die Kamera dann eine stärkere Differenz zwischen beiden Belichtungswerten zeigt, sollte man die Belichtung in Richtung der Kontrollmessung korrigieren.


Empfehlung 6:

Eine alte Faustregel sagt, daß zur Vermeidung verwackelter Bilder als kritischer Wert gilt:
"Zeit = Brennweite"

Das sollte aussagen, daß bei Verwendung eines 50 mm Objektivs der nächstgelegene Belichtungszeit-Wert 1/60 Sekunde die Grenze für verwackelungsfreie Freihand-Aufnahmen ist. Man sollte also keinesfalls mit Zeiten wie 1/15 Sekunde oder gar noch länger fotografieren. Das wird ohne Stativ nicht mehr scharf. Bei einem 200 mm Tele liegt die Grenze schon bei 1/250 Sekunde. Diese Faustregel gilt auch heute noch, aber weil die Werte sich auf das Kleinbildformat bezogen, muß man den Verlängerungsfaktor einrechnen.

Beispiel:

- Objektiv mit 85 mm Brennweite an einer digitalen Spiegelreflex
- Verlängerungsfaktor auf Kleinbild: 1,5

85 mm x 1,5 = 127,5 mm

1/125 Sekunde ist also schon leicht verwackelungsgefährdet!