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Fotoschule: Auf Motivsuche

Motivsuche kann schwierig sein

Jeder Fotograf hat das wohl schon mehrfach erlebt: Da hat man endlich mal wieder ein paar Stunden Zeit zum ungestörten Fotografieren, hat sich vielleicht auch gerade etwas Neues zur Ausrüstung zugelegt - aber irgendwie will's einfach nicht klappen: alle Ergebnisse sind enttäuschend. Worin liegt das Problem dabei?

Motivsuche: Wie gehen Sie vor?

Eine blöde Frage, meinen Sie, weil man mit ein bisschen fotografischem Blick doch jede Menge Motive fast überall findet? Da möchte ich eine Gegenfrage stellen: Was macht denn ein »gutes« Motiv Ihrer Ansicht nach überhaupt aus?

Die Bezeichnung Motiv scheint ja auf den ersten Blick recht seltsam. Der Begriff ist aber nicht so ungeschickt, denn er enthält einen sehr wichtigen Faktor: Motiv hängt mit Motivation zusammen. Es wird danach gefragt, warum Sie denn ausgerechnet dieses und kein anderes Bild machen wollen.

Herrenberger Kirche

Das Warum benennen

Schauen Sie sich das Bild hier rechts an. Es ist ein typisches Postkartenfoto. In der Anfangszeit meiner Fotografie habe ich solche und ähnliche Aufnahmen haufenweise gemacht. Es waren für mich einfach »schöne Motive«, bei denen es für mich damals eine Herausforderung war, das technisch tadellos und gestalterisch ohne Schwächen hinzukriegen.

Ich habe damals im eigenen kleinen Labor selbst vergrößert, dabei stürzende Linien entfernt und durch gezielte Wahl von Fotopapier und Entwickler Einfluss genommen, ob ein neutraler, kalter oder warmer Bildton entstand.

Ein Teil meiner Motivation beim Fotografieren bestand damals einfach darin, einen Stand vor allem handwerklicher Perfektion zu erreichen, den ich natürlich anfangs noch nicht hatte. Als ich dieses Level dann erreicht hatte, ging es sehr schnell, dass der Reiz solcher Fotos zerbröselt ist. Ich stand damals vor meiner ersten bewusst erlebten Kreativitätskrise: Meine Motive waren noch immer die gleichen, aber die Motivation war verschwunden. Fotografie schien mir plötzlich vor allem sinnlose Wiederholung zu sein. An solchen Postkartenmotiven hatte ich mich satt gesehen.

Sie sehen also, dass für den Fotograf im Begriff Motiv immer die Frage nach der Motivation unmittelbar mit zu denken ist. Damit gibt es aber nicht mehr das gute Motiv ganz allgemein, sondern die Person des Fotografen spielt eine wichtige Rolle und darf nicht ausgeblendet werden. Wer z.B. aus dem Urlaub zurück kommt und voller Begeisterung davon schwärmt, dass es dort so unglaublich tolle Motive gibt, der sagt in Wirklichkeit etwas anderes aus: Ich bin in einer Umgebung gewesen, die mich sehr begeistert hat und für mich eine hohe Motivation hatte, dass ich mich fotografisch damit befassen wollte.

Es kann also durchaus sein, dass ein anderer Fotograf, der an den gleichen Ort fährt, dort kaum Motive findet, weil ihn diese Umgebung einfach nicht anspricht. Er hat eben einen anderen Geschmack oder war in einer deutlich anderen Stimmung.

Den wahren Grund kennen

Bevor Sie erfolgversprechend auf die Suche nach neuen (und natürlich besser umgesetzten!) Motiven gehen können, ist ein Zwischenschritt nötig, an dem sich schon mancher Fotograf die Zähne ausgebissen hat. Andreas Feininger hat in seiner Großen Fotolehre - einem Klassiker guter Fotolehrbücher auch heute noch - auch Tipps für das Fotografieren als Anfänger gegeben. Dort heißt es:

Obwohl er das gleich an dritter Stelle von zwölf Punkten aufführt, möchte ich wetten, dass das die meisten überlesen, weil Ihnen die Bedeutung und Tragweite dieses Ratschlags nicht bewusst ist. Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und Feiningers Empfehlung verschärfen:

Ein Beispiel

Ich habe nur eine Handvoll Themen, die mich fotografisch wirklich interessieren; die meisten davon schon seit vielen Jahren. Eines dieser Themen ist seit fast 30 Jahren die Aktfotografie. Eine ganze Zeit lang habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, wieso mich das besonders begeistert. Das war halt einfach so, dachte ich. Das stimmt aber nicht, denn es stecken schon ganz konkrete Aspekte dahinter:

  1. Da war zuallererst einfach der Wunsch nach ästhetisch ansprechenden Bildern, denen man etwas mehr als nur einen schnellen kurzen Blick gönnt. Ich hatte das Gefühl, dass mir das bei Aktaufnahmen besonders gut gelingt.
  2. Ich hatte das Glück, dass ich schon in der Anfangszeit Modelle gefunden habe, die fotografisch selber sehr engagiert waren und eigene Ideen und Vorstellungen eingebracht haben. Ich habe erkannt, wie wertvoll dieser Faktor sein kann und dass sich daraus eine längerfristige sehr kreative Zusammenarbeit entwickeln kann. Das hat sich bis heute nicht verändert.
  3. Meine Aktaufnahmen sind Inszenierungen und keine Schnappschüsse. Das bedeutet nicht, dass ich eine halbe Ewigkeit an jeder Pose feile und mein Model »hinbiege«, sondern wir sprechen ab, was rauskommen soll, und entwickeln die einzelnen Bilder meistens gemeinsam. Das ist eine Arbeitsweise, die ich sehr mag und von der ich finde, dass sie sehr ergiebig ist.
  4. Ich setze den Blickkontakt des Models zur Kamera bewusst bei der Gestaltung ein, weil damit beim Betrachter Stimmungen anders angestoßen werden können als bei weggewandtem Blick. Damit habe ich einen gut formbaren Gestaltungseffekt, der mir wichtig ist und immer wieder neue Ideen liefert.

Akt am See

Ich könnte die Liste noch fortsetzen, aber das, worum es mir momentan geht, ist wohl ausreichend zu erkennen: Ich weiß, warum das Thema Akt für mich etwas Besonderes ist und sicher auch in Zukunft mein Interesse weiterhin haben wird. Daraus hat sich auch längst eine ganz bestimmte Arbeitsweise entwickelt, mit der ich einfach die Erfahrung gemacht habe, dass sie für mich optimal funktioniert. Das heißt nicht, dass ich nie etwas ändere, aber Änderungen gehen nicht mehr vom Punkt Null aus sondern von festem Untergrund.

Ich habe natürlich im Lauf der Jahre auch allerlei ausprobiert - manches beibehalten und viel verworfen. So weiß ich eben aus Erfahrung, dass Aktaufnahmen in der Gruppe beim besten Willen nicht mein Ding sind. Und diese Erfahrung habe ich auch auf andere Bereiche angewandt: Ich bin kein Gruppenfotograf, egal welches Thema.

Konstruktive Motivsuche

Ich hoffe, Sie konnten nachvollziehen, was ich in diesem Beitrag vermitteln möchte: Erfolgreiche Motivsuche kann ohne die passende Motivation nicht funktionieren. Selbstverständlich lässt sich das nicht einfach aus dem Ärmel schütteln, aber Sie werden schnell Fortschritte machen, wenn Sie sich auf einige wenige Themenbereiche konzentrieren, die Ihnen am Herzen liegen. Beispiel: Sie betreiben in der Freizeit eine Sportart mit besonderer Begeisterung? Warum dann nicht einfach mal eine Zeit lang ausprobieren, ob das nicht vielleicht auch fotografisch für Sie gut passen könnte!

Zusammenfassung

Motive liegen nicht einfach am Wegrand herum und warten darauf, von Ihnen abgeknipst zu werden. Wirkliche BILDER werden Sie nur dann mit einigermaßen Sicherheit erlangen, wenn Sie sich auf Themen beschränken, zu denen Sie einen besonderen Bezug spüren. Hegen und pflegen Sie diesen Bezug wie ein kostbares kleines Pflänzchen, und Sie werden bald merken, wo etwas wächst - oder welche Motive eben doch keine echte Motivation für Sie darstellen. Das ist kein Drama, dann suchen Sie eben weiter, aber bitte gezielt und nicht wahllos breit gestreut!