Untermenüs finden Sie am Seitenende.

Gratis-Tutorial Fotoschule: Anspruchsvollere Bilder

Das lernen Sie hier:

Was macht den Unterschied zwischen einem langweiligen Bild aus und einem, auf das man länger als nur einen kurzen Augenblick schaut? In dieser Lektion werden typische Schwächen unter die Lupe genommen und Tips gegeben, wie man durch eine weniger konventionelle Sichtweise zu interessanteren Bildern gelangt.

Was macht ein gutes Bild aus?

Es gibt jede Menge Regeln und Kriterien, wie ein "gutes Bild" auszusehen hat. Die meisten davon empfinde ich als viel zu formal und erlebe immer wieder, daß sie bei Bilddiskussionen und -bewertungen fast wie ein kleines Evangelium zitiert werden. Mir sagt das alles nicht viel und ist mir ehrlich gesagt auch ziemlich schnuppe. Das heißt nicht, daß ich deswegen keine Kriterien habe, aber ich mache sie vor allem daran fest, wie ein Bild auf mich persönlich wirkt. Mich interessiert dabei vor allem, ob mich das Bild zum zwei Mal Hinschauen lockt, weil es etwas in mir anspricht und eine Stimmung transportiert - oder ob ich es eben nur nichtssagend und langweilig finde.

Sehen wir uns das Bild rechts etwas genauer an:

  1. Hauptmotiv
    Das Hauptmotiv, also das "Thema" bei diesem Bild, ist wohl der Baumstumpf. Er hat zwar den Ehrenplatz genau in der Bildmitte bekommen, aber mitten in einem wahren Meer von den Blick ablenkenden Belanglosigkeiten: abgebrochene dürre Äste, etwas verstreutes braunes Laub, das hohe Gras, im Vordergrund ein bißchen Moos, im Hintergrund zwei Bäume und vielleicht eine Felswand (so genau kann man das aber nicht erkennen). Dem Auge wird nichts Verlockendes geboten. Man fragt sich eher: Was soll ich dort?
  2. Licht
    Fotografie lebt vom Licht, vom Gegensatz Licht und Schatten und beim Farbbild zuätzlich von den Farbtönen. Dieses Foto ist korrekt belichtet und der Weißabgleich scheint auch in Ordnung zu sein. Aber das monotone und völlig unspektakuläre Licht in dieser Aufnahme ist einfach fad.
  3. Ausschnitt
    Eine bewußte Wahl des Ausschnitts scheint hier nicht stattgefunden zu haben. Der Baumstumpf in der Mitte, und "drumrum ist halt irgendwas", das aber keine irgendwie erkennbare sinnvolle Begrenzung hat. Man ahnt, es hätte auch nicht viel gebracht, ein bißchen hin oder weg zu zoomen oder den Standpunkt etwas zu verändern.

Keine Regeln eingehalten?

Natürlich kann man kritisieren, bei der Bildgestaltung seien ja keinerlei Regeln beachtet worden; wenigstens um den Goldenen Schnitt hätte sich der Fotograf ja schon bemühen können, und überhaupt wurde nicht beachtet...

Selbstverständlich will ich nicht behaupten, daß das Bild nicht ein bißchen besser hinzukriegen gewesen wäre. Darum geht es mir aber gar nicht. Viel wesentlicher finde ich, daß dieses Motiv - und unter den herrschenden Lichtverhältnissen sowieso - einfach kein Bild wert war, denn es ist belanglos und nichtssagend. Ich finde, eine wesentliche Aufgabe des Fotografen besteht gerade darin, die Spreu vom Weizen zu trennen. In Bilddiskussionen geht es sehr oft nur darum: Wie hätte ich dieses Bild besser machen können? Das führt dann zu langen Debatten, ob nicht vielleicht doch links ein etwas knapperer Beschnitt usw. usw., und die dürren Äste hätte man ja schon wegräumen können...

Ich meine, stattdessen sollte man sich bewußt machen, daß der Amateurfotograf unschätzbar große Freiheit hat und gut daran tut, die auch zu nutzen. Er stellt sich seine Aufgaben selber und hat keinen Grund sich zu verrennen. Wenn der Baumstumpf am Wegrand halt im Bild enttäuscht, löscht man es wieder und sieht sich aufmerksam um, wo ein paar Schritte weiter das nächste Motiv wartet, das die schöne Stimmung des herbstlichen Waldes viel besser verkörpern kann.

Ein Vergleich

Hier sind zwei Bilder vom selben Baum zu sehen, aufgenommen von derselben Stelle und mit derselben Brennweite.

Erster wichtiger Unterschied ist natürlich die Wahl des Formats: Im Querformat klebt der Blick hier auf dem Boden, die Aufmerksamkeit wird auf die Wurzeln gedrängt. Ganz anders im Hochformat, wenn man den Ausschnitt entsprechend wählt. Erst jetzt fallen die anderen Bäume auf. Man sieht, daß sich die Buche in zwei Stämme teilt, der Baum links daneben abgestorben ist und viele andere Details mehr.

Noch bemerkenswerter finde ich aber, daß erst im Hochformatbild wirklich sichbar wird, daß es ein ansteigender Hang ist, wo die Bäume stehen. Die ganze Szene bekommt dadurch wesentlich mehr Tiefe.

Obwohl das Licht hier dasselbe ist wie bei dem Baumstumpfbild vorhin, sieht es kein bißchen langweilig mehr aus, weil durch den Blick nach oben die Blätter förmlich leuchten und der Himmel dazwischen durchlugt. Das Bild strahlt für mich eine freundliche Atmosphäre aus und lädt ein zum Näherkommen.

Feinabstimmung ist wichtig

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, daß die beiden Bilder unterschiedlichen Weißabgleich haben. Das Querformatbild wurde als JPG-Bild mit automatischem Weißabgleich fotografiert, beim Hochformatbild (RAW) habe ich den Weißabgleich erst im Nachhinein selber vorgenommen und dabei gleich noch etwas die Kontraste angepaßt (natürlich geht so eine geringfügige Korrektur auch bei einem JPG-Bild).

Ich wollte das Bild in einer warmen Grundstimmung sehen, weil das die Atmosphäre unterstreicht, die ich bei der Aufnahme empfunden hatte. Man kann kritisieren, das sei ja "nicht wirklich" so gewesen, sondern "manipuliert". Das finde ich aber eine müßige Diskussion, denn ich fotografiere nicht, um die Welt so genau wie möglich zu dokumentieren. Ich verstehe meine Bilder anders - und jeder darf gern drin sehen, was immer er mag.

Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren...

Das Alltägliche kommt immer zuerst. Soll heißen: Es gibt viele Bilder, die hat man schon so oft gesehen, daß jeder Anfänger dazu neigt, sie in ähnlicher Situation ganz selbstverständlich nachzumachen. Genau davon muß man weg!

Es ist nur ein Gerücht, daß

In Wirklichkeit merkt man aber bald, daß die meisten Sonnenuntergänge doch irgendwie reichlich ähnlich aussehen, das eindrucksvolle Bergpanorama seltsam mickerig wirkt auf dem Bild, die Portraits vor allem durch zugekniffene Augen und häßliche Schatten im Gesicht auffallen und die zwei winzigen Figuren vor dem Dom kaum zu erkennen sind. Man schaue sich alle seine enttäuschenden Ergebnisse aufmerksam an und merke sich gut für die Zukunft: diese Bilder sind nicht der Hit.

Dann nehme man sich ein solches Problemthema nach dem andern vor und versuche es besser zu machen. Portraits zum Beispiel. Und man wird feststellen, wo der Fehler liegt (die frontale Sonne nämlich), und daß sich etwa bei Sonne von hinten sogar sehr ansprechende Portraits und auch ohne zugekniffene Augen machen lassen.

Beschränkung ist nötig

Nicht nur Anfänger fallen auf die fixe Idee rein, alles auf einmal gleich scharf und gleich groß in einem einzigen Bild unterbringen zu wollen. Ergebnis ist im günstigsten Fall ein zwar technisch einwandfreies, aber leider vollkommen überfrachtetes Bild, in dem das Auge keinen Ruhepunkt findet.

Die grausamen Urlaubsbildchen nach dem Schema "A und B vor der Sehenswürdigkeit XY" sind von vorne rein zum Scheitern verurteilt, weil einfach schon die Größenverhältnisse ein Unding sind. Es geht bei solchen Machwerken aber auch gar nicht um anspruchsvolle Bilder, sondern ihr einziger wirklicher Zweck besteht in der Botschaft: guck mal, ICH war da, ja wirklich!

Zurück zum Thema Portrait. Da sollte ja wohl klar sein, daß es um den dort gezeigten Mensch geht. Also ist es Aufgabe des Fotografen, durch gestalterische Beschränkung alles zu vermeiden, was die Aufmerksamkeit ablenkt. Die Umgebung ist Beiwerk, das eine Stimmung im Bild unterstreicht (oder absichtlich damit im Kontrast steht), aber niemals das dominante Thema des Bilds. Deshalb ist geringe Tiefenschärfe (also Hintergrund in Unschärfe) ein typsiches Gestaltungsmittel für Portraits. Die Sehenswürdigkeit XY in aller Pracht mit ins Bild packen zu wollen macht es als Portrait kaputt.

Ungewöhnliche Lichtstimmungen einfangen

Bei Tag relativ langweilig wirkende Motive lohnen oft einen Versuch in der Dämmerung oder bei Nacht, wenn man den Blitz abstellt (dazu raus aus der Vollautomatik!) und ein Stativ verwendet. Sogar Kompaktkameras, bei denen man scheinbar fast nichts einstellen kann, meistern solche Motive oft erstaunlich gut, wenn man erst mal gefunden hat, wie man die Kamera dazu "überreden" kann, nicht auf eine ihrer Standardroutinen mit Blitz zurückzugreifen. Auf jeden Fall gilt: Nicht gleich aufgeben, wenn es nicht sofort klappt, sondern die Bedienungsanleitung studieren und systematische Versuche machen.


Auf Details achten

Angeblich sollen ja die schönsten Motive unscheinbar am Wegrand versteckt zu finden sein. Da ist durchaus was dran - aber längst nicht alles entpuppt sich als fotografische Rarität, und schon gar nicht auf Anhieb.

Das Bild hier rechts ist auch nur eines der mittelmäßigen geworden. Nicht gerade häßlich, aber ich finde, es hat deutliche Schwächen:

Für die geringe Tiefenschärfe hatte ich mich entschieden, weil ich den Hintergrund in Unschärfe verschwinden lassen wollte. Wenn man mit einem lichtstarken Objektiv fotografiert, ist es oft verlockend, mit geringer Schärfenzone zu spielen. Blende 2,0 bei 85mm Brennweite war aber im Nahbereich eindeutig zuviel des Guten. Auf dem Display ist mir das darußen bei Sonne aber nicht aufgefallen.

Es geht aber auch viel schlimmer

Ein Knipsbildchen, auf dem es an Unachtsamkeiten und "fotografischen Sünden" nur so wimmelt:

Schauen wir uns die Probleme näher an, z.B. die Überbelichtung: Das ist nicht einfach eine Fehlbelichtung, wo die Automatik versagt hätte, sondern der Ausschnitt ist so ungeschickt gewählt, daß versucht wurde, Bildteile zusammen zu bringen, durch deren Kombination ein unsinnig hoher Kontrastumfang entsteht. Die Belichtung an den Himmel anzupassen würde sofort dazu führen, daß alle Schattenbereiche im Vordergrund ungünstig dunkel werden. Das wäre keine gute Alternative.

Die langweilige angeschnittene leere Stuhlreihe links: Sie ist fotografisch sicher keine Ruhmestat, hängt aber immerhin mit der einzigen gestalterischen Stärke des ganzen Bilds zusammen, der starken Betonung räumlicher Tiefe nämlich. Daß der Fluchtpunkt nicht einfach zentral im Bildmittelpunkt liegt, gibt dem Bild noch etwas mehr Spannung.. Das Hochformat betont zwar zusätzlich die Tiefe des Bilds, war aber meiner Meinung nach hier keine so gute Wahl, weil es im oberen und im unteren Bildviertel einfach nichts Lohnendes zu sehen gibt.

Das kann man doch reparieren...

Weil mit Photoshop ja bekanntlich "alles möglich" ist, werden jetzt viele dazu neigen, das Foto durch ein bißchen Bildbearbeitung doch noch retten zu wollen - soll heißen: aus einem insgesamt schwachen Bild ein Meisterwerk zaubern!

Ich hab mich also mal dran gemacht, aus dem schwächelnden Knipsbildchen mit all seinen Mängeln doch noch eine halbwegs durchschnittliche Postkarte zu basteln. Man sieht, das geht tatsächlich, und es hat auch keine Ewigkeit gedauert.

Ich meine aber: Es lohnt den Aufwand nicht wirklich, denn fast immer wäre er vermeidbar gewesen, wenn man sich vor dem Druck auf den Auslöser etwas mehr Zeit gelassen und genauer hingeschaut hätte. Die Korrektur hinterher am Computer bleibt immer nur ein Kompromiss, der ein Vielfaches an Zeit kostet und das Bild eben doch nie grundlegend anders gestalten kann. Wer sich nicht um ein optimales Ergebnis schon bei der Aufnahme bemüht ("das bearbeite ich sowieso nachher mit Photoshop"), wird oft auch Schwächen im Bild haben, die gestalterischer Art sind und nicht mal eben schnell weggestempelt werden können.

Ungewöhnliche Perspektiven ausprobieren

Man mache sich bewußt, daß eine normale Kamera nicht festgewachsen ist sondern sehr beweglich. Ich selber gehöre absolut nicht zu den Fotografen, die ständig auf dem Boden herumrobben (gerade bei Modelfotografie scheinen manche Fotoamateure zu glauben, daß es einen wohl als Profi kenntlich macht, wenn man todesmutig auf den Boden hechtet und möglichst steil von unten nach oben fotografiert), aber manchen Bildern gibt es tatsächlich einen spannenderen Ausdruck, wenn sie erkennbar nicht aus Augenhöhe aufgenommen sind.

Meine subjektive Ansicht dazu: Ich meine, man sollte daran denken, daß der Blick aus Augenhöhe nicht immer der fotografisch interessanteste ist, sollte aber nicht rein um des Effekts Willen ständig auf der Jagd nach ungewöhnlichen Perspektiven sein. Der Blickwinkel der Aufnahme ist nur einer von einer ganzen Reihe von Faktoren, die das gelungene Bild ausmachen, kann aber unpassend gewählt oft mehr schaden als nützen. - Also Finger weg von fotografischen Sichtweisen, die halt "grad in" sind, ohne den geringsten Zusammenhang mit dem Motiv zu haben! In ein paar Jahren, wenn sich der Effekt tot gelaufen hat, kann man diese Bilder nicht mehr angucken. Aktuelle Kandidaten dafür sind wahrscheinlich die Fotos mit schräg gehaltener Kamera, weil das ja dem Bild so gewaltig viel "Dynamik" gibt...