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Auf der Gavia-Passhöhe

Ich liebe die Berge, bin aber ganz und gar kein Kletterer. Wenn's hoch kommt, reicht es bei mir gerade eben zum Wanderer auf einfachen Bergwegen. Seit ich 2004 einen Schlaganfall hatte und damals erst wieder laufen lernen musste, ist rechtsseitig eine Beeinträchtigung geblieben, an die ich mich längst gewöhnt habe: Ich muss einfach schauen, wo ich hintrete, weil mir das Gefühl weitgehend fehlt. Man kann damit gut leben, und bei allen Tätigkeiten, die ich regelmäßig mache, fällt es mir kaum mehr auf - aber da ich viel zu selten über Stock und Stein marschiere, fehlt mir da die Routine.

Nun bin ich vom Fotografieren her sowieso ein sehr visuell orientierter Mensch, und so sind die höheren Berge eben für mich vor allem ein optisches Erlebnis. Es ist trotzdem ein Genuss für mich und zieht mich immer wieder an.

Gavia-Passhöhe

Ich versuche die subtile Stimmung, die ich in dem Moment empfinde, möglichst gut dem Bild mitzugeben. Meistens werden Landschaften bei mir inzwischen ja Infrarot-Aufnahmen. Natürlich ist das eine starke Verfremdung, aber ich fühle mich dabei irgendwie »heimischer« als bei der konventionellen Farbfotografie. Trotzdem lockt mich auch die immer wieder mal.

Gavia-Passhöhe-original
Hier das noch unbearbeitete Bild, wie es aus der Kamera kam

Jetzt sollte man aber nicht meinen, dass man die Arbeit einfach ganz relaxed der Automatik der Kamera überlassen kann. Das Bild, wie es aus der Kamera kam, ist links zu sehen.

Da gibt es nicht viel zu entschuldigen: Dieses Bild sieht einfach langweilig und enttäuschend aus! Warum, was ist schief gegangen?

Gar nichts ist schief gegangen, es sah tatsächlich ungefähr so aus. Es war ein sehr kontrastarmes Licht. Keine Sonne, aber andererseits auch keine finsteren Wolken. Es war keine bedrohliche Stimmung. Natürlich hätte man wesentlich knapper belichten können, um sattere Farben zu erhalten. Das hätte dem Bild aber auch gerade die Art düsterer Stimmung gegeben, die ich einfach ganz und gar nicht empfunden habe und deshalb dem Bild auch nicht unterjubeln wollte.

Natürlich war mir klar, dass ich das Bild so nicht haben wollte (auch wenn man Details am Display der Kamera ja nicht erkennen konnte), aber es hätte auch keinen Sinn gemacht an der Aufnahme selbst noch viel rumzufummeln. Das sind ganz klar Arbeiten, die nachher bei der Ausarbeitung der RAW-Daten erfolgen. Und wie man hier sehen kann, funktioniert es ja auch prima nachträglich, ohne dass man Einbußen bei der Qualität befürchten muss. Die RAW-Daten bringen dafür mehr als genug an Spielraum mit.

Das ist aber geschummelt!

Wirklich? Vergessen Sie's! Meine Fotografie hat keinen dokumentarischen Anspruch. Und deshalb kann es auch kein Kriterium sein zu fragen, ob jetzt das kleine Bild nicht vielleicht doch das »wirklichere« ist. Gemessen woran? Es war windig, und alle paar Minuten sah es wieder ein bisschen anders aus. Soll ich nur deshalb, weil ich mir aus dieser Szenerie eine Momentaufnahme ziemlich willkürlich heraus gepickt hab, soll ich etwa deshalb den Ehrgeiz entwickeln, das so »originalgetreu« wie nur möglich festhalten und genau so und kein Haar anders ausarbeiten zu müssen? Nein, so verstehe ich meine Art von Fotografie ganz und gar nicht!

Besser zutreffen würde ungefähr folgende Beschreibung: Das große Bild entspricht der Summe dessen, was ich zu dieser Zeit und an diesem Ort empfunden hab, geprägt durch die Atmosphäre dort und zweifellos auch beeinflusst von der (sehr angenehmen) Stimmung, in der ich mich befunden habe. Und weil ich die Ausarbeitung erst runde zwei Wochen später ausgeführt habe, kann es (ganz genau genommen) auch nur meine Erinnerung an das Empfundene sein. Aber das finde ich Haarspalterei. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich als Fotograf frei darin bin, einem Bild eben das mitzugeben, wonach mir ist, und dass mankein schlechtes Gewissen dabei haben muss.

Und es geht noch weiter: Wenn ich das selbe Bild in ein oder zwei Jahren wieder anschaue und mir dann danach ist, es vielleicht doch ganz anders neu auszuarbeiten, dann spricht auch dagegen nichts.