Astrid (November 1998)

- überarbeitet im November 2010 -

Meine Sichtweise heute:

Obwohl eine Menge Zeit inzwischen vergangen ist, gehört diese Serie noch immer zu meinen persönlichen Favoriten. Es kommt mir heute so vor, dass ich um diese Zeit an einem fotografischen »Ruhepol« angelangt war, den ich danach so zweifelsfrei sicher nie wieder erreicht habe (bisher jedenfalls nicht - schaumermal, was noch kommen wird...).

Wenn ich diese Bilder angucke, springt mir sofort die SW-Ausarbeitung in einer Perfektion ins Auge, wie ich sie heute nur ganz selten erreiche. Damals hatte ich das viel besser im Griff. Ob das mit dem Wechsel von Film im Mittelformat auf die Digitalkamera etwas zu tun hat? Ich denke, rein technisch kann eigentlich kein wesentlicher Unterschied bestehen. Weil der Unterschied aber doch sichtbar ist, vermute ich, dass die viel langsamere damalige Arbeitsweise eine Rolle spielt. Ich bin auch heute keiner der Maschinengewehr-Fotografen, die den Finger nicht vom Auslöser weg kriegen. Ich bin mir aber schon bewusst, dass die Freiheit der Digitalfotografie (früher war jeder Fehlschuss und jedes nur mittelmäßige Bild gleichbedeutend mit dem Klingeln von drei oder vier Groschen) verlockend ist, eben doch »mal eben schnell« noch ein paar zusätzliche Fotos zu schießen - kostet ja nix.

Ich glaube, gestalterisch ist es wirklich ein Nachteil, dass die früher aus finanziellen Gründen erzwungene Disziplin verschwunden ist. Vielleicht sollte ich mich überlisten, indem ich nur ein einziges Speicherkärtchen mitnehme? Früher hab ich sehr wohl gezählt, wieviele Filme noch in der Tasche liegen. Wenn bei einem Fototermin das Material dann doch mal schneller weg ging als erwartet, war es ein Leichtes sich am Riemen zu reißen und die letzten verbliebenen 20 oder 30 Fotos sorgsamer zu verbrauchen.

Ich nehme mir vor, dass ich auch ohne Selbstüberlistung wieder zu einer geruhsameren Arbeitsweise zurückkehren werde um einmal zu schauen, ob sich qualitativ dabei nicht doch was ändert.

 

Und das hab ich damals geschrieben:

Diese Serie habe ich in einer verlassenen Fabrikhalle im Ruhrgebiet fotografiert. Mich fasziniert an solchen Orten die Schönheit des Verfalls. Lachen Sie nicht über diese Formulierung. Ich finde wirklich, dass Verfall oft etwas sehr Ästhetisches an sich hat. Die Gegenstände tragen in sich noch Reste dessen, für das sie einmal gemacht wurden. Sie erinnern an den früheren Gebrauch dieses Ortes, gehören aber schon längst einer "anderen Welt" an.

Es sind aber nicht nur der Rost, der die Metallteile zerfrisst, der abbröckelnde Putz an den Wänden, die zersprungenen Scheiben, was man hier vorfindet. Farne wachsen aus Mauerritzen und erobern das verfallende Gebäude der Natur zurück - bis die Abrissbagger kommen und neue Tatsachen schaffen.

Ist schon eine solche Industrieruine für sich allein ein fotografisches Eldorado, so hat diese Umgebung als Kulisse für inszenierte Portrait- und Aktaufnahmen noch einen zusätzlichen Reiz. Was mich dabei begeistert, das ist die Möglichkeit, die Stimmung des Ortes zu erspüren und in der Interaktion mit dem Modell in ausdrucksstarke Posen umzusetzen.

Die hier gezeigten Aufnahmen sind mit dem Modell Astrid entstanden. Ich arbeite mit ihr für solche Zwecke besonders gern zusammen: Sie bringt genau den Ausdruck rüber, den ich mir vorstelle. Die Kommunikation bei der Entwicklung der Bildideen funktioniert prima, da sie selbst sehr kritisch und anspruchsvoll ist. Und nicht zuletzt bringt sie jede Menge Ausdauer mit, um auch bei sehr ungemütlichen Temperaturen geduldig stundenlang auf rostigen Maschinen herumzuturnen.

Aufgenommen habe ich die Bilder im November 1998 mit der zweiäugigen Mamiya C 220 im Format 6x6 cm auf 400er Schwarzweiss-Negativfilm. Ich arbeite gerne mit dem Mittelformat, denn es erzieht zum Sich-Zeit-Lassen und zum sorgfältigen Beobachten. So entstehen zwar in drei bis vier Stunden nur 50 bis 60 Aufnahmen, aber es ist kaum Ausschuss dabei.

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