(Andreas Fritz zu seiner Ausstellung)

Das Ammertal zwischen Unterjesingen und Tübingen:
Portraits einer unscheinbaren Kulturlandschaft

Bescheiden und unscheinbar, sind Begriffe mit denen sich der Abschnitt entlang des Ammerlaufes (besser gesagt: der Ammerläufe) zwischen Unterjesingen und Tübingen, zwischen Spitz- und Kreuzberg gut beschreiben ließe; z.T. schnurgerade Wege verbinden in leicht geschwungener Landschaft A mit B, Stadt und Land. Ihrem Wesen nach sind alle Wege gleich: weniger Ziel als zu überwindende Wegstrecken. Auch die B28 macht davon keine Ausnahme, jedoch ist sie anders: im Normalfall harmlos, in Einzelfällen immer wieder tödlich, lässt sie keine Zeit zum Spazierenschauen. Wie viele Menschen mögen wohl das Tal täglich durchqueren ohne ihm auch nur einen Blick zu schenken? Neben prominenten Sehenswürdigkeiten wie der Wurmlinger Kapelle, Schwärzloch, den Schlössern Roseck und Hohenentringen, und den Attraktionen der Uni-Stadt wird es schlicht übersehen.

Touristengruppen drängen zur Neckarfront oder auf den Marktplatz. Im Schwärzlocher Hof kehren zwar nicht nur "Insider" oder "Ehemalige" ein, um Freunden und Gästen aus aller Welt herben Most und längst nicht nur schwäbische Küche zu empfehlen - aber das Tal zu Füßen des Biergartens bleibt dabei kaum mehr als eine hübsche "Aussicht".

Dieses Kulturland, das die Universitätsstadt gemeinsam mit weiteren ähnlich "schweigsamen" Landschaften seit Jahrhunderten mit den Grundlagen menschlicher Existenz versorgt, verdient mehr als nur eine Statistenrolle unter den Tübinger Kulissen. Die perspektivische Schieflage nur ein klein wenig zu korrigieren, ist das Ziel dieser Ausstellung.

Immerhin handelt es sich um "Kulturland" in vielerlei Hinsicht; an erster Stelle Agrikultur-Land in all seinen lokalen Facetten: egal ob Wald, Acker, Baum-/Wiese, Wengert - deren Wert zunehmend weniger geschätzt wird - oder Freizeit(kultur)land.

Zentrale Kultur-Komponenten lieferte natürlich schon immer die Ammer: zum einen die Wasser-Grundversorgung, zum anderen die Möglichkeit wirtschaftlicher Nutzung des Wassers sowie der Wasserkraft - auch wenn letzterer hier erst wieder zu einer Renaissance verholfen werden muss - und schließlich ein Entsorgungssystem. Ursprünglich waren alle drei Komponenten mit dem Bau des Ammerkanals im späten 12. Jahrhundert erschlossen worden und von fundamentaler Bedeutung für die weitere Entwicklung der Stadt d.h.später auch ihrer Universität. Der Ammerkanal, auch "d´ gloe Ammer" genannt, ist etwa so alt wie die Jakobuskirche. Damit ist er ohne jede Übertreibung wohl eines der ältesten, wichtigsten, monumentalsten und zugleich eines der am wenigsten beachteten Bauwerke Tübingens.

Still trägt das Land entlang der Ammer die Spuren menschlicher Kultur durch die Zeit, ebenso still wie es Menschen verschiedenster Kulturen seit jeher trägt und ernährt. Die Spuren der Geschichte sind so unscheinbar und bescheiden wie das Tal selbst. Als Beispiel sei das Hofgut Ammern (Ammerhof) erwähnt. Die Geschichte des Guts, das schon vor dem Jahr 1171 Teil des in jener Zeit gegründeten katholischen Prämonstratenserstifts (Ober-) Marchtal war, ist fast niemandem geläufig. Ebenso wenig seine damalige wegen der guten Weinbaulagen am Kreuzberg große Wichtigkeit für das Stift. Ferner bot Ammern nach der Reformation Katholiken Zuflucht, die im protestantischen Tübingen nicht mehr "gelitten" waren. Diesem spektakulären Beispiel stehen reihenweise unspektakuläre entgegen: Wer denkt beim Anblick sommerlicher Schilffelder an Eis für Brauerei-Keller, erkennt unter der Begrünung noch den ehemaligen Schuttabladeplatz im Schwaigbrühl? Wer weiß noch, wo im Krieg die FLAK stand? Wer erinnert sich an die (Schlaf-) Mohn-Felder, wer atmete noch mehlige Luft in der alten Mühle Heumesser?

Schweigen, Vergessen liegt über dem kleinen Tal...

Wer beachtet ferner das selbstverständlich inter- bzw. transkulturelle Schaffen das Miteinander auf den Feldern und in den Schrebergärten - stoßen wir hier am Ende gar auf reale Belege für die Existenz nur einer menschlichen Kultur? Die historische Bedeutung des Tales ist unermesslich, die gegenwärtige nicht hoch genug einzuschätzen. Schon deshalb sollte die Zukunft des Tales nachhaltig, d.h. unbebaut geschützt werden. Dazu müssen wir aber bei Zeit die Augen öffnen. Wer sich die Zeit nimmt mit offenen Augen durch das Ammertal zu wandern oder einfach einen Moment still am Weg zu verweilen, kann in jedem Fall erkennen, dass auch Bescheidenheit zu fesseln vermag. Den Beweis finden Sie hier.

(Andreas Fritz)

[ andere Bildserie wählen ]   [zurück zur Bildserie]