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FOTOTIPP September 2014:

Besonderheiten bei Nachtaufnahmen

Wie dunkel soll's denn sein?

Bei Nachtaufnahmen scheiden sich die Geister sehr: Der eine legt seinen ganzen Ehrgeiz hinein, das Maximum an Zeichnung und Kontrastumfang raus zu kitzeln (dieser Fotograf könnte mit HDR arbeiten), während ein anderer wirklich tiefe schwarze Nacht in sein Bild rein bringt und vielleicht sogar die hellsten Bereiche noch weit unterhalb von weiß hält, weil er das ja schließlich bei der Aufnahme auch genau so gesehen hat.

Wie so oft in der Fotografie, macht auch hier der Streit um »richtig« oder »falsch« keinen Sinn, sondern es ist natürlich dem Fotograf überlassen, wie er sein Bild sehen möchte und welchen Ausdruck, welche Stimmung er ihm mitgeben möchte.

in dunkler Nacht

Hier habe ich versucht das Bild so abzustimmen, dass klar erkennbar ist, dass es sich um eine Nachtaufnahme handelt und nicht um eine Aufnahme aus der Dämmerung. Ich habe dafür in Kauf genommen, dass es Bereiche mit völlig zugelaufenen Tiefen gibt. Ungefähr so sah es auch für das menschliche Auge aus. Die beleuchteten Schaufenster waren so hell, dass sich die Pupillen eben nicht weit geöffnet haben. Und deshalb gab es eben tatsächlich in den dunklen Partien tiefe Schwärze. Warum also sollte man das in der Fotografie unbedingt anders darstellen - nur deshalb etwa, weil es technisch halt machbar wäre?

etwas heller

Sobald man die Farbe im Bild belässt und nicht auf Schwarzweiß wechselt, bekommen Aufnahmen bei Nacht sofort eine Stimmung, die auch bei ganz realistischer Belichtung anders ist als sie das Auge in Wirklichkeit gesehen hat.

Der Grund ist, dass unser Auge ja zwei "Werkzeuge" verwendet: die Zäpfchen und die Stäbchen. Die Zäpfchen sind für das Farbsehen nötig. Sie brauchen dafür aber mehr Licht. Bei sehr wenig Licht verschwindet der Eindruck Farbe ganz. Die Stäbchen liefern nämlich nur ein SW-Bild. Weil der Wechsel vom Farbsehen zu SW aber nicht wie das Umlegen eines Schalters funktioniert, sondern beide Systeme nebeneinander her aktiv sind, sehen wir bei Nacht in den etwas helleren Bereichen sehr wohl noch farbig, nur in den sehr dunklen Bereichen nicht mehr.

Der Bildsensor der Kamera macht diesen Unterschied nicht. Ein bei Nacht aufgenommenes Bild ist auch immer ein Farbbild (wenn man nicht eingreift und es in SW umwandelt natürlich). Das ist der Grund, wieso Nachtaufnahmen meistens »irgendwie seltsam bunt« aussehen. Wer das menschliche Sehen so gut wie möglich imitieren möchte, könnte das natürlich durch Nachbearbeitung tun, aber einen besonderen Sinn sehe ich darin nicht.

Jenny am Weihnachtsmarkt

Die Bemühung um eine realistisch nächtliche Stimmung im Bild hat aber ihre Grenzen. Schauen wir uns das Bild rechts an: Es wurde fotografiert am Erfurter Weihnachtsmarkt. Jetzt möchte ich es natürlich so ausarbeiten, dass Jenny im Vordergrund halbwegs »normal hell« zu sehen ist. Technisch kein Problem. Das hat aber zur Folge, dass auch die Buden im Hintergrund in der Helligkeit angehoben werden und jetzt sogar fast überbelichtet erscheinen. Von nächtlicher Stimmung kann keine Rede mehr sein.

Auch hier wird mancher sagen: Mensch, das kann man doch mit Photoshop reparieren! Ich meine: Klar, wer Spaß an solchem Gefummel hat, kann sich damit natürlich beliebig lange aufhalten. Mein Ding ist das aber nicht.

Ich will aber auf eine ganz andere Frage eingehen: Wie kommt es, dass das einfach nicht richtig nach Nacht aussehen will, und wie hätte man es in dieser Hinsicht besser machen können?

Es liegt einfach daran, dass in dem Bild nichts enthalten ist, das einem einen Hinweis geben könnte. Eine Möglichkeit wäre es, wenn man darauf achtet, dass ein Stück Himmel mit ins Bild kommt. Helfen würde es auch, wenn das Modell an einer Stelle steht, wo sie gut ausgeleuchtet ist. Dann hätte die Belichtung knapper ausfallen können und der Hintergrund wäre nicht so strahlend hell geworden.

zwei Varianten

Zum Abschluss möchte ich noch einmal dran erinnern, dass man nicht vergessen sollte, dass fast immer sehr verschiedene Ausarbeitungen möglich sind. Wie schon gesagt, sollte man sich nicht zum Sklaven des Richtig-oder-Falsch machen. Längst nicht immer ist es so unverzichtbar, dass die Wiedergabe möglichst eng an der Situation bei der Aufnahme liegen muss, wenn halt eine andere Ausarbeitung dann doch besser gefällt...