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FOTOTIPP April 2014:

Wie lautet Ihr Thema?

Es hat für mich keinen Reiz in der Art eines Jägers ruhelos unterwegs zu sein, der immer auf das plötzliche Auftauchen des unwiederbringlichen Motivs aus dem Nichts heraus lauert.

Ich staune immer wieder, wie viele Fotografen - gerade Amateure - es gibt, die schlaflose Nächte erleiden, wenn die Ausrüstung, mit der sie unterwegs sind, nicht universell genug ist. Es könnte ja geschehen, dass nur für Sekunden die absolute Szene vor der Kamera auftaucht und - oh welch ein Drama! - gerade das falsche Objektiv auf der Kamera ist.

Inszenierung
Meine Menschenfotografie ist oft inszenierte Modelfotografie. Dabei sehe ich mich nicht als der Regisseur, sondern meine Bilder sind ein gemeinsames Produkt von Fotograf und Model.

Sind Sie ein Glücksspieler? Ich bin keiner. Nicht im wirklichen Leben und schon gar nicht in der Fotografie. Ich warte nicht auf die große Serie am Spielautomat und nicht auf die große Chance im Sucher. Meine Fotografie ist zum größten Teil geplant; nicht immer bis ins kleinste Detail, aber sie ist kein Zufallsprodukt.

Ich habe Themen, an denen ich sehr langfristig arbeite. Diese Themen sind nichts Starres, das sich nie ändert, aber es gibt eine Art Leitmotiv dabei, das bestehen bleibt.

Vielschichtigkeit

Ich habe hier ein Beispiel für mein Thema Menschen heraus gepickt. Ich kann Grundgedanken nennen, die mir dabei wichtig sind (z.B. dass ich nicht versteckt und unbeobachtet fotografiere; meine Modelle sollen wissen, dass ich sie fotografiere), aber darüber hinaus ist vieles offen.

Viel systematischer hat da der große Fotograf August Sander gearbeitet, dessen Bilder ich sehr schätze. Über Jahrzehnte hinweg hat er an seinem großen Projekt »Menschen des 20. Jahrhunderts« gearbeitet. Obwohl er alle Bilder sehr ähnlich komponiert hat, ist es ihm gelungen, gerade dadurch die enorme Vielschichtigkeit und Unterschiedlichkeit perfekt zum Ausdruck zu bringen. Er hatte ein Konzept, das er über diese lange Zeit völlig konsequent verfolgt hat. Das ist ihm deshalb so gut gelungen, weil er seinen Roten Faden nie aus den Augen verloren hat. Dazu gehörte auch eine ganz bestimmte Art mit seinen Modellen umzugehen und ihnen gegenüber zu treten. Auch davon ist er nie abgewichen. Sein Thema war nicht einfach der Mensch als einzelnes Individuum, sondern der Mensch in der Gesellschaft. Er hat das soziale Umfeld immer mit gedacht.

Weit gefasst oder enger Fokus?

Ich möchte mich ganz gewiss nicht mit August Sander vergleichen oder gar messen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn mein Blick auf Menschen ist sowieso ein anderer, und auch die Zeit, in der ich lebe, ist eine andere. Ich erkenne an seinen Arbeiten aber manchmal fast schmerzlich, was mir fehlt: dieser unglaublich prägnante Blick auf das Wesentliche in seinem Projekt. Diesen Blick kann ich schon deshalb so nicht haben, weil mein fotografisches Interesse am Thema Mensch viel verschwimmendere Grenzen und Konturen hat als bei Sanders.

Natürlich könnte ich mir eine enger eingegrenzte Aufgabe definieren und diszipliniert nur noch daran arbeiten. Das würde mich aber nicht befriedigen, weil dieser Wunsch nicht »von innen« kommen würde; er wäre etwas Aufgesetztes. Ich denke, das ist ein wichtiges Kriterium. Deshalb bin ich schon sehr froh, dass ich eine Hand voll fotografischer Themen habe, die mich ernsthaft interessieren. Eines dieser Themen ist ganz klar der Oberbegriff Mensch, unter dem sich dann nicht sehr verbunden eigene Schwerpunkte finden (z.B. das Thema Akt). Ein ganz anderes, völlig eigenständiges Thema, an dem mir ebenfalls sehr viel liegt, ist die Infrarotfotografie.

Was ich damit sagen möchte

Dieser Beitrag steht ja unter der Rubrik Fototipp des Monats. Es sollte also eine Empfehlung darin stecken. Die möchte ich zum Abschluss noch formulieren:

Sind Sie manchmal mit Ihrer Fotografie unzufrieden und Sie haben vielleicht sogar das starke Gefühl eine kreative Blockade zu haben? Dann versuchen Sie weg von der grenzenlosen Vielfalt zu kommen. Man muss nicht zig verschiedene Themen nebeneinander her beackern. Es macht keinen Sinn Sport, Landschaft, Porträt, Architektur, Makro, Reisefotografie und noch einen Haufen weiterer Bereiche abdecken zu wollen. Kommen Sie weg von der Angst etwas zu verpassen! Finden Sie Ihre ein oder zwei Themen, die Sie wirklich berühren und konzentrieren Sie sich darauf. Nicht der fotografische Hans-Dampf in allen Gassen sollte Ihr Ziel sein und auch nicht der Gemischtwarenhändler.