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Mit Schärfe und Unschärfe gestalten

geringe Tiefenschärfehohe TiefenschärfeBeide Bilder sind scharf. Trotzdem sieht jeder den großen Unterschied: Das linke Bild zeigt nur das scharf, was sich in einer eng begrenzten Entfernung von der Kamera befindet (alles näher oder weiter weg erscheint unscharf), das rechte Bild alles von nah bis fern.

Die Tiefenschärfe (oder Schärfentiefe - beide Bezeichnungen sind gebräuchlich) ist ein wertvolles Gestaltungsmittel, mit dem sich nicht nur die Bildstimmung beeinflussen läßt, sondern auch die Aufmerksamkeit innerhalb des Bildes auf die bildwichtige Stelle lenken.

Der Blendenwert

Die Tiefenschärfe kann der Fotograf durch die Wahl des Blendenwertes beeinflussen: Weit geöffnete Blende (das ist der zahlenmäßig kleinste Blendenwert, also z.B. 2,8) bedeutet geringere Tiefenschärfe, weit geschlossene Blende (also z.B. 22) bedeutet größere Tiefenschärfe. Welche Werte einstellbar sind hängt vom jeweiligen Objektiv ab. Zoomobjektive haben meistens keine so hohe Lichtstärke (darunter versteht man die maximal mögliche Blendenöffnung, also die kleinste Zahl) wie Objektive mit fester Brennweite. Außerdem haben Zoomobjektive oft keine feste Lichtstärke, sondern die maximal mögliche Öffnung nimmt dann bei längerer Brennweite ab. Das ist nicht zwingend so, sondern einfach ein Konstruktionsmerkmal des jeweiligen Objektivs. Solche mit konstanter (hoher) Lichtstärke über den ganzen Zoombereich sind meistens deutlich teuerer.

Einfluß der Brennweite

Weil Brennweite und Blende eng miteinander zusammen hängen, stimmen diese Aussagen aber nur eingeschränkt. Man kann nicht pauschal behaupten, bei Blende 2,8 wäre die Tiefenschärfe immer sehr gering und bei Blende 8 immer schon recht hoch, denn bei kurzer Brennweite (typisch für Weitwinkel) nimmt die Tiefenschärfe zu und bei langer Brennweite (Tele) ab - auch bei konstanter Blende! Die größte Tiefenschärfe bekommt man, wenn man ein Objektiv mit besonders kurzer Brennweite wählt und dabei die Blende so weit wie möglich schließt (z.B. 14mm bei Blende 16). Besonders geringe Tiefenschärfe bekommt man mit langer Brennweite und weit offener Blende (z.B. 200mm bei Blende 2,8 - ein nicht gerade billiges Objektiv!).

Auf einen Blick:

  1. Die Tiefenschärfe hängt von der Brennweite und von der Blende ab.
  2. Sie ist umso geringer,
    • je weiter die Blende geöffnet wird (also in Richtung kleiner Zahlenwerte) und
    • je länger die Brennweite ist (also Tele)

Die Tiefenschärfe sinnvoll einsetzen

Die Tiefenschärfe ist ein Gestaltungsmittel, das dem Fotograf frei zur Verfügung steht (in gewissen technischen Grenzen natürlich). Es geht also nicht um "richtig" oder "falsch", sondern darum, die am besten passende Tiefenschärfe für das Bild zu finden - so, wie man es eben gern hätte.

Was ist aber die "am besten passende" Tiefenschärfe aus dem Bereich, der mir zur Verfügung steht?

Die Wahl der Tiefenschärfe ist für mich ein wichtiger Teil der bewußten Bildgestaltung - ohne die ich es eh nicht Wert finde, das Bild überhaupt zu machen, denn mich interessiert Fotografie, nicht Schnappschuß-Knipserei. Ich lasse mir Zeit und überlege mir, welches das wichtigste Element im Bild ist. Dort kommt auf jeden Fall die Schärfe hin (Ausnahmen bestätigen die Regel... - aber das würde hier zu weit führen).

Ich finde, mit der Tiefenschärfe sollte man eher knauserig sein statt großzügig, denn selektive Schärfe nur auf dem Bildteil, der einem wichtig ist, gibt dem Bild ein Maximum an Raumwirkung. Das ist deshalb wichtig, weil Fotografien nur zweidimensional sind. Man braucht deshalb gestalterische Hilfsmittel, um dem Bild trotz fehlender Dreidimensionalität die Illusion räumlicher Tiefe zu geben. Große Tiefenschärfe hat die Tendenz, ein Bild gestalterisch "einzuebnen". Wenn man trotzdem Raumwirkung erhalten möchte, muß man zu anderen Mitteln greifen, während aber geringe Tiefenschärfe allein immer für das Gefühl von räumlicher Tiefe im Bild sorgt.

Man vergleiche einmal die beiden Bilder: Im Bild rechts ist die Fußgängerin sicher nicht besonders weit weg, verschwindet aber bereits in starker Unschärfe, was für räumliche Trennung sorgt. Im Bild links erscheinen die Zweige und die Hauswand im Fenster durch die hohe Schärfe fast schon bedrohlich nah. Das Bild verliert an Perspektive. Es wirkt platt gequetscht.

Der unscharfe Hintergrund im rechten Bild erfüllt seinen Zweck auch so: Er teilt mit, daß es sich um eine Szene irgendwo in der Stadt handelt und um keine Studioaufnahme. Die Szene wird in einen äußeren Kontext gestellt, und das genügt.

Der scharfe Hintergrund im linken Bild lenkt aber den Blick auf Details, die für die Bildaussage nichts bringen, sondern irritieren. Äste und Zweige kreuz und quer, unten rechts ein dubioses finsteres Loch... - man fragt unwillkürlich nach einem Sinn, den der Hintergrund für dieses Bild aber gar nicht hat. Ähnliche Hintergrund-Unschärfe wie im rechten Bild hätte eine ansprechende Portrait-Fotografie am Fenster draus gemacht, aber so, mit diesem ablenkenden, nichtssagenden Hintergrund, findet das Auge keinen Ruhepunkt. Hier macht der scharfe Hintergrund das Bild kaputt.

Schauen wir uns ein ganz anderes Beispiel an. Ein Bild, ebenfalls scharf von vorn bis hinten, das noch mehr Fragen stellt. Aber mit dem großen Unterschied, daß dieses Bild genau davon lebt, daß man Antworten sucht. Eine nächtliche Szene. Rechts angeschnitten ein Polizeiauto. Im Vordergrund als Silhouette ein Mann, und links scheinen auch noch welche zu stehen. Unweigerlich sucht man nach der Geschichte in diesem Bild. Es ist offensichtlich, hier passiert etwas, aber was, das bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen.

Dieses Bild braucht die große Tiefenschärfe, denn wenn hier auch noch große Bildteile in Unschärfe getaucht wären, man würde keine Handlung mehr erkennen. Der Kontext würde in Details zerfallen.

Man sieht also, daß die Idee, die beabsichtigte Aussage, in einem Bild beachtet werden muß, und dann erst macht es Sinn sich Gedanken über große oder geringe Tiefenschärfe zu machen. Die Entscheidung ist zwar wirklich dem Fotograf überlassen, aber sie ist trotzdem nicht einfach beliebig. Es gibt Bilder, da ist beides möglich, aber es gibt auch solche, da ist das nicht der Fall (siehe das Portrait am Fenster).

Welche Automatiken kommen in Frage?

Als die eierlegende Wollmilchsau der Fotografie werden gern die Motivprogramme angepriesen. Wer sein Handbuch aufmerksam liest, findet auch welche, die sich um die Tiefenschärfe kümmern. Das eine ist das Programm für Landschaftsaufnahmen (das versucht meist so weit wie möglich abzublenden), und das Gegenstück ist das Programm für Portraitaufnahmen (Blende weit auf). Soweit so gut, damit kann man schon arbeiten, wenn man mag.

Motivprogrammen sollte man mit Mißtrauen begegnen, denn sie tun unbemerkt oft Dinge, von denen man nichts ahnt, z.B. bei vielen Kameras die automatische Wahl der Empfindlichkeit (ISO-Einstellung). Sobald es nicht mehr Licht im Überfluß gibt, wird der ISO-Wert erhöht. Hohe ISO-Einstellungen bedeuten aber auch mehr Rauschen, also schlechtere Bildqualität. Hinter Motivprogrammen steckt die Idee, auch technisch völlig Unwissenden die Nutzung der Kamera so zu ermöglichen, daß nur wenig technischer Ausschuß entsteht. Das bedeutet aber, daß eine solche Automatik im Zweifel etwas extremere Einstellungen vermeidet.

Die Automatik meiner Wahl ist deshalb die Zeitautomatik, also die Halbautomatik, bei der man die Blende vorwählt und die Kamera die je nach Helligkeit gerade passende Belichtungszeit einstellt. Es gibt nämlich nicht nur alles-oder-nichts, sondern in vielen Fällen lohnt es sich, daß man die Tiefenschärfe fein dosiert: groß genug, daß der gesamte bildwichtige Bereich innerhalb der Tiefenschärfe liegt, und klein genug, daß entferntere Bildteile bereits merklich unschärfer werden, um beste Raumtiefe zu bekommen - siehe dazu das Bild rechts.

Auch für diese Feinabstimmung haben manche Kameras eine Automatikfunktion, bei der man den nächstgelegenen und den entferntest gelegenen Punkt anklickt, die scharf werden sollen, und die Kamera wählt dann die dafür genau passende Blende. Dieser Funktion kann man nach meiner Erfahrung durchaus vertrauen.

Ein paar Tips

Der Verlängerungsfaktor

Die Brennweite ist kein willkürlicher Wert, sondern ob ein Objektiv Tele, Normalobjektiv oder Weitwinkel ist hängt auch ganz entscheidend vom Aufnahmeformat ab. Für die Digitalkamera heißt das: Wie groß ist mein Sensor, und zwar nicht in Pixeln, sondern in Millimetern ausgedrückt?

Seit Digitalfotografie-Zeiten kennen den genauen Wert ihrer Kamera die Wenigsten, denn es hat sich eingebürgert, daß oft der umgerechnete Wert bezogen auf Kleinbild (24x36mm) angegeben wird, weil einem dieser Wert eben vertrauter ist. Ein Normalobjektiv hatte bei Kleinbild eine Brennweite von 50mm. Alles drunter galt als Weitwinkel, alles drüber als Tele.

Bei digitalen Spiegelreflexkameras ist die Rede vom Verlängerungsfaktor (oder - weil es ja viel gebüldeter klingt - "Cropfaktor"). Der Sensor der meisten digitalen Spiegelreflex ist nämlich kleiner als früher ein Negativ war, oft um den Faktor 1,5 (der Sensor ist 15,5x23mm statt 24x36mm) oder 1,6 oder 2. Soweit könnte einem das eigentlich ganz egal sein, denn wenn man die technischen Daten der Kameras anschaut, sieht man, daß alle mehr oder weniger gleich hohe Auflösung haben (heute sind 8-10 Millionen Pixel normal).

Digitale Kompaktkameras haben teilweise auch Auflösungen von 7 oder 8 Millionen Pixel, allerdings auf einem flächenmäßig deutlich kleineren Sensor (die allerkleinsten sind sogar nur 5,2x3,9mm groß, also winzig klein im Vergleich zum Kleinbild-Negativ!). Weil die Brennweite eines Normalobjektivs sich wie oben gesagt nach der Diagonale des Aufnahmeformats richtet, ist die Normalbrennweite einer solchen Kompaktkamera statt 50mm nur 6,5mm lang (oder ein bißchen mehr, je nach genauer Sensorgröße). Die Tiefenschärfe kümmert sich aber um keinen Verlängerungsfaktor, sondern nur um die tatsächliche Brennweite. Das bedeutet, daß solche Kameras immer nur Bilder mit großer Tiefenschärfe produzieren könnnen - auch dann, wenn man die Blende ganz weit öffnet.

Digitale Kompakte und Portraits

Ich halte es für wichtig, daß man sich über die Stärken und Schwächen seiner Kamera bewußt ist und die Kamera angemessen einsetzt. Daß für Personenaufnahmen Schärfe von vorn bis hinten nicht unbedingt das Optimale sein muß, haben wir schon oben an dem Bild mit dem Blick durchs Fenster gesehen. Es ist ungünstig, wenn ein detailreicher scharfer Hintergrund von der Person ablenkt, die nun eben mal dabei das Wesentliche sein soll.

Das gestalterische Problem verschwindet, wenn man entsprechend ruhige Hintergründe sucht - siehe das Bild hier links - oder halt mindestens darauf achtet, daß durch die große Tiefenschärfe der Blick nicht im Bild hin und her irrt.

Meine Einschätzung:

Eine Kompaktkamera hat ihren Sinn vor allem dadurch, daß sie - der Name sagt es ja schon - so klein ist, daß man sie wirklich überall dabei haben kann. Sie kann erstaunlich viel (z.B. extreme Nahaufnahmen ohne Zubehör), aber sie hat natürlich auch ihre Grenzen. Für mich liegt eine wesentliche ganz klar darin, daß man auf die Beeinflussung der Tiefenschärfe weitgehend verzichten muß (ein bißchen geht bei den Kameras, die den etwas größeren Sensor haben, aber Wunder sollte man auch da nicht erwarten). Die Kompakte sehe ich deshalb eher als anspruchsvolle Zweitkamera, die aber eine digitale Spiegelreflexkamera nicht ersetzt, denn Auflösung alleine ist eben längst nicht alles.

Unschärfe durch Bewegung

Ein rasender Radfahrer im Tiefflug von rechts? Nein, der war eher in ziemlich gemütlichem Senioren-Tempo unterwegs, aber trotzdem noch schnell genug, um bei 1/8 Sekunde Belichtungszeit stark verwischt zu erscheinen.

Im linken Bild sieht man, daß noch längere Belichtungszeiten (hier eine Sekunde) die Wirklichkeit immer mehr "aufzulösen" beginnen: das Bein der einen Frau, die nur noch auf Leuchtstreifen reduzierten vorbei fahrenden Autos... Was sich während der Belichtungszeit bewegt hat, verschwindet mehr oder weniger stark oder hinterläßt unwirklich erscheinende Spuren.

Die Kamera gehört bei so langen Belichtungszeiten natürlich auf ein Stativ, wenn man nicht nur ein stark verwackeltes Bild erhalten möchte. Die Bewegungsunschärfe solcher Bilder kann aber durchaus ihren eigenen Reiz haben, vor allem durch die Kombination ganz normaler, scharfer Bildteile mit diesen "Gespenster-Elementen".

Man sollte mit diesem Effekt etwas experimentieren, denn es geschehen je nach Dauer der Belichtung ganz unterschiedliche Dinge. Mit Belichtungszeiten im Bereich mehrerer Minuten werden selbst dicht bevölkerte Plätze menschenleer. Der Effekt wäre bei den fahrenden Autos derselbe gewesen, wenn die nicht die Scheinwerfer an gehabt hätten. Ohne solche Lichtspuren lösen sich alle bewegten Gegenstände vollständig auf, und die einzige Spur, die davon bleibt, ist bei sehr vielen eine Art leichter diffuser "Nebel".

Sehr interessant und geheimnisvoll sehen auch Aufnahmen von fließenden Gewässern mit längeren Belichtungszeiten aus. Der Bach im Bild ganz links wurde 15 Sekunden lang belichtet.

Schon bei wesentlich kürzeren Zeiten bekommt man bereits beeindruckend wirkende Fließeffekte (im Bild rechts bei 1/20 Sekunde fotografiert).

Die Beispiele zeigen, welche weite Spanne an Möglichkeiten die Wahl der eingestellten Zeit bietet.

Blitzlicht

Zum Blitz greifen die Meisten, weil das vorhandene Licht nicht ausreicht: Die Belichtungszeit würde so lang, daß man ein Stativ brauchen würde, um nicht zu verwackeln, und bewegte Objekte im Bild würden verwischt. Der Blitz soll also sozusagen die Sonne ersetzen, was er aber kaum leisten kann, denn

Das heißt nicht, daß Blitz grundsätzlich nix taugt, aber ich will damit drauf aufmerksam machen, daß es mit "Blitz draufgesteckt, den Rest erledigt die Automatik" kein sehr origineller Ansatz wäre. Blitz insgesamt ist aber ein weites Feld und deshalb ein ganz eigenes Thema für sich.

Trotzdem nicht vergessen sollte man hier beim Thema Schärfe / Unschärfe die Kombination von Blitz plus langer Belichtungszeit: Statt der Synchronzeit, die normalerweise die meisten Kameras automatisch auswählen, sobald man auf Blitzen schaltet, wird eine Belichtungszeit eingestellt, die bei der aktuellen Blende ohne Blitz nötig gewesen wäre. Ganz von Hand braucht das etwas Erfahrung, die Kombination so hinzukriegen, daß gute Ergebnisse rauskommen. Es gibt aber meistens an der Kamera auch eine Einstellung, die einem das weitgehend abnimmt (einfach mal in der Bedienungsanleitung nachlesen!), und damit ist sogar der kleine eingebaute Blitz oft noch zu was zu gebrauchen. Ein Beispiel zeigt das Bild rechts.

Zum Abschluß noch zwei Uralt-Tips: