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Gratis-Tutorial Fotoschule: Grundlagen der Bildgestaltung

Die Grundlagen

Bildgestaltung - gibt es dafür denn überhaupt allgemeingültige Regeln?

Ja, die gibt es, aber ihre Anwendung funktioniert viel weniger direkt als bei den technischen Grundlagen. Es sind in der Fotografie genau die gleichen Regeln wie beim Zeichnen oder in der Malerei. Daß man eine Kamera benutzt, könnte man also erst einmal vergessen - warum man es doch nicht tun sollte, dazu komme ich gleich noch.

0. Das Feld abstecken

Ich halte es für wichtig, als Erstes die Erwartungen einzugrenzen.

Man sollte auf keinen Fall dem Irrglauben auf den Leim gehen, daß man für die Bildgestaltung Regeln in der Art eines Kochrezepts anwenden darf. Ich kann und will sicher mit keiner Regel dienen vom Typ: Gute Portraits macht man folgendermaßen... (es folgen ausführliche Anweisungen zu Brennweite, Licht, Ausschnitt, Pose, Requisiten u.v.m.)

Ich weiß natürlich, daß es solche zum Teil sehr detaillierten Empfehlungen zur Genüge gibt. Sie sind der sicherste Weg zu auffallend langweiligen, ewig gleichen Bildern.

1. Bewußt machen

Gelungene Bildgestaltung setzt voraus, daß man vorher bereits wußte, was man überhaupt ausdrücken möchte. Die Wirkung eines Bilds steht und fällt damit. Ein Maler ist da einem Fotograf gegenüber im Vorteil. Er beginnt mit einem leeren Blatt, und es taucht nur das dort auf, was er selber absichtlich dort erscheinen läßt. Nehmen wir als Beispiel ein Portrait: Der Maler kommt um die Frage gar nicht herum, welchen Ausdruck das Gesicht auf seinem Bild wiedergeben soll.

Dem Fotograf geht es ganz anders: Da er sein Bild als Momentaufnahme des Geschehens vor seiner Kamera erzeugt, wird er eher von jeder Menge "fertiger" Bilder überflutet. Sein Problem ist anscheinend, im besten Augenblick gezielt zuzugreifen - und jedes nicht gemachte Bild scheint so als unwiederbringlicher Verlust. Natürlich gibt es spezielle Situationen, wo man auf solches "Dauerfeuer" angewiesen ist (z.B. Bewegungsstudien, viele Arten von Sportaufnahmen usw.), aber sie sind sicher nicht der Normalfall jeder Fotografie.

Der erste Gedanke bei der Bildgestaltung sollte deshalb das bewußte Wahrnehmen dessen sein, das man gerade im Begriff zu fotografieren ist:

  • Was genau geschieht überhaupt? - Daß tatsächlich etwas geschieht, nimmt man nicht so selbstverständlich wahr, wie das jetzt klingt. Eine Landschaftsaufnahme erscheint den meisten unaufmerksamen Fotografen als etwas Statisches. Der erfahrene aufmerksame Fotograf weiß aber, daß sich durch vorbei ziehende Wolken die Lichtstimmung drastisch ändern kann, ein Windstoß das gerade eben noch so langweilig daliegende Getreidefeld in Bewegung bringen kann, der vorne rechts gerade auffliegende Vogelschwarm einen wunderbaren Blickfang darstellt und vieles mehr. Es braucht Zeit, diese vielen Kleinigkeiten erst einmal wahrzunehmen. Danach liegt es bei mir, in welchem Moment ich auf den Auslöser drücke.
  • Was empfinde ich? - Viele Landschaftsaufnahmen sind ausgesprochen enttäuschend, weil das, was im Moment der Aufnahme das so intensive Gefühl war, im Bild irgendwie komplett verloren gegangen ist. Wie kann das sein? Der häufigste Grund ist, daß der Fotograf die Vielfalt der auf ihn einströmenden Reize spürt (den angenehm kühlenden Wind, die wärmende Sonne, das Rauschen des Wasserfalls, die Erschöpfung durch den langen Anstieg, der Steilabfall ein paar Schritte weiter links...), die Kamera aber nur einen rechteckigen scharf begrenzten Ausschnitt visuell erfaßt und das darin Enthaltene zu allem Überfluß auch nur zweidimensional wiedergibt. Ich muß die intensiven vielfachen Empfindungen dieses Augenblicks komprimiert in ein nur zweidimensionales Bild übersetzen, daß ich meine realen Empfindungen darin nachher wieder erkennen und nachempfinden kann. Für bewußte Bildgestaltung ist also enorm wichtig, daß ich die verschiedenen Sinneswahrnehmungen voneinander trenne, denn Fotografien haben nur den visuellen Sinn zur Verfügung.
  • Was möchte ich sehen? - Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft oft ein großer Spalt. Das tolle Panorama, wegen dem ich extra mit der Seilbahn hier hoch gefahren bin, liegt leider heute ziemlich im Dunst. Beim Formel-1-Rennen, für das die Eintrittskarte so teuer war, huschen die Rennwagen so schnell und so weit entfernt vorbei, daß ich Einzelheiten nicht wirklich erkenne (wie soll das dann meine Kamera schaffen ohne Supertele und ohne Platz direkt an der Boxengasse?). Ich möchte vielleicht etwas in einer Intensität sehen, die nicht wirklich vorhanden ist. Und trotzdem wird der Auslöseknopf gedrückt, Enttäuschung vorprogrammiert...
  • Der kritische Blick. - Endlich ist das Objekt meiner fotografischen Sehnsüchte vor meiner Kamera. Na gut, eigentlich wollte ich ja einen Araberhengst fotografieren, konnte aber leider nur ein Shetland-Pony bekommen. Aber was soll's, Pferd ist Pferd... So oder ähnlich beginnen und enden viele Fotounternehmungen, bei denen nur Bilder entstehen, mit denen man sich nichts als lächerlich macht. Das Problem ist nicht, daß man Shetland-Ponies generell nicht gut fotografieren kann, sondern daß es eben keine Araberhengste sind und ich deshalb radikal umdenken muß. Es gibt in so einem Fall nur eine einzige gute Lösung: sich selbst gegenüber ehrlich sein. Wenn man das Problem erst sehr spät bemerkt, kann es durchaus sein, daß man so schnell nicht mehr "umschalten" kann (man hat aus Mangel an Routine kein "Ersatzprogramm", auf das man wechseln kann). Auch wenn es schwer fällt: lieber gleich abbrechen statt ein Fiasko produzieren. Es bringt nichts, wenn ich lauter Bodybuilder-Posen geplant hab und die jetzt mit Mr. Bean zu fotografieren versuche!

Wie, und das soll jetzt Bildgestaltung gewesen sein!? - Ja, und sogar überwiegend die Dinge, die fotografie-spezifisch sind. Ein Maler hat die meisten gerade beschriebenen Probleme nämlich so gar nicht oder mindestens stark abgeschwächt. Ich kann beliebig eines rausgreifen: Panaroma im Dunst? Ist kein Thema, den mal ich einfach nicht mit!

Der große Unterschied liegt darin, daß sich der Maler seine perfekte Wirklichkeit eben selber erschaffen kann. Das erscheint einem jetzt so simpel, aber das ist ein großer Irrtum. Die meisten Fragen hat er sich nämlich auch gestellt (was empfinde ich? was möchte ich sehen? usw.) und wahrscheinlich schon überwiegend beantwortet, ehe er den Pinsel zum ersten Mal in die Hand nimmt. Anders sind nur seine Werkzeuge, seine Möglichkeiten. Der Fotograf hat aber erst mal seine Hausaufgaben zu machen, bevor er mit seiner Bildgestaltung gleich auf ist.

2. Isolieren und reduzieren

Die meisten Bilder könnten wesentlich besser wirken, wenn sie nicht so überfrachtet wären mit konkurrierenden Bildelementen und völlig überflüssigen Details. Verschlimmert wird das Problem noch ganz erheblich dadurch, daß jedes Foto die gezeigte Bildinformation in ein scharf abgegrenztes Format zwängt. Das menschliche Auge arbeitet mit einem völlig anderen Sehen: Unser Gesichtsfeld erfaßt ca. 150° nach oben, unten, rechts und links, aber nur einen sehr kleinen Bereich (ca. 2°, mehr nicht!) in der Mitte sehen wir so, daß wir wirklich Details erkennen können. Die Aufmerksamkeit ist ausgesprochen selektiv. Man mache mal den Versuch, wieviele Buchstaben dieses Textes man wirklich erkennen kann, wenn man mit dem Blick starr einen einzelnen Buchstaben fixiert.

Um die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das bildwichtige Element lenken zu können und nicht durch Belanglosigkeiten stören zu lassen, ist natürlich die erste Voraussetzung, daß man sich überhaupt selber klar darüber wird, was von Bedeutung für das Bild ist und was nur Beiwerk. Nehmen wir ein klassisches Portraitfoto als Beispiel: Das Gesicht wird wohl der wichtigste Teil sein. Meine Aufgabe als Fotograf ist es jetzt, den Ausschnitt zu bereinigen. Es wird den meisten bekannt sein, daß z.B. Zweige im Hintergrund, die wie ein Geweih aus dem Kopf zu wachsen scheinen, zu den Anfängerfehlern gehören, die man unbedingt vermeiden sollte. Oft hilft schon ein Schritt nach links oder rechts, aber man muß dazu erst einmal wahrnehmen, was ungünstig ist und nach Verbesserung schreit. Näher rangehen sorgt fast immer für einen aufgeräumteren Bildeindruck. Die meisten Anfänger lassen viel zuviel Platz um ihr Hauptmotiv herum. Es ist eine gute Idee, erst einmal ganz bewußt so dicht ran zu gehen, bis bildwichtige Teile abgeschnitten werden. Man geht dann gerade so weit zurück, bis dieses Problem behoben ist - nicht weiter. Jetzt kann man sich den Ausschnitt aufmerksam anschauen und kritisch beurteilen, ob zusätzlicher Freiraum an einer Seite das Bild verbessert. Nur wenn das wirklich der Fall ist, geht man noch einen Tick weiter weg. Im Zweifelsfall ist fast immer das näher aufgenommene Bild das wirkungsvollere.

3. Gekonnte Raumaufteilung

Beim Stichwort Bildgestaltung fallen früher oder später auch Begriffe wie "Goldener Schnitt" o.ä. Dazu sollte man sich klar machen, daß so etwas nicht das Geringste spezell mit Fotografie zu tun hat. Wer zeichnet oder malt hat genauso viel oder wenig Veranlassung, sich damit zu befassen - oder eben auch dagegen zu verstoßen.

Ich will's mir sparen im Detail auf den Goldenen Schnitt einzugehen (wen es interessiert, der kann es hier in aller Ausführlichkeit nachlesen). Ich beschränke mich auf den meiner Beobachtung nach häufigsten Anfängerfehler: zentrale Bildkomposition auf Gedeih und Verderb.

Diese Unsitte hat eine ganz banale Ursache: Der Blick durch den Sucher ist immer scharf begrenzt durch den Ausschnitt, der mit dem jeweiligen Objektiv von der Kamera erfaßt wird (das Objektiv selbst kann mehr: es erfaßt einen kreisrunden Bildausschnitt, der auch nicht so scharf begrenzt ist, wie man das von einem Foto gewohnt ist). Da man durch den Sucher auch nur mit einem Auge schaut, ist es naheliegend, daß man eine freihändig gehaltene Kamera unwillkürlich so ausrichtet, daß man das Objekt, das einem am wichtigsten erscheint, in der Mitte positioniert, weil dort quasi automatisch der Blick durch den Sucher haften bleibt.

Man sollte sich klar machen, daß das nur eine von sehr vielen Möglichkeiten ist - und sehr oft so ziemlich die langweiligste! Der Blick zur Bildmitte ist immer dann fast ein Automatismus, wenn ich dem Betrachter nichts anbiete, das seinen Blick gefangen hält. Man könnte jetzt meinen, das bildwichtigste Element gehört also logischerweise immer genau in die Mitte. Das kann man machen, aber man handelt sich mit einem solchen Bildaufbau auch fast unvermeidlich Monotonie ein. Gerade weil die Fotografie mit dem Handicap der unzulänglich zweidimensionalen Wiedergabe zu kämpfen hat, wäre es en großer Fehler, wenn man darauf verzichtet, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu lenken. Zur Bildmitte wandert mein Blick aber ganz von selbst, wenn er nicht unterwegs "abgeholt" wird.

Die Mitte ist tabu!

Gerade indem ich mein Bild so anordne, daß die bildwichtigsten Elemente außerhalb der Mitte zu liegen kommen, kann ich Spannung erzeugen. Das Auge strebt unbewußt zur Mitte, aber auf dem Weg dorthin wird ihm etwas Verlockendes dargeboten, dem es schließlich folgt. Und wenn ich erst einmal so weit gekommen bin, hab ich schon halb gewonnen: Der Betrachter hat mir Vertrauen geschenkt, daß es wohl lohnen könnte, vom naheliegenden Weg abzuweichen. Genau dieses Vertrauen ist das kostbare Gut, das wir jetzt in die Waagschale werfen können: Wenn sich der Betrachter auf den von uns vorgeschlagenen Weg einläßt und dabei nicht enttäuscht wird (d.h. wir müssen etwas bieten!), wird er uns auch weiter folgen.

Meine Empfehlung:

Man muß erst ein Gefühl dafür bekommen, was zu tun ist. Jeder weiß, daß der Elefant im Porzellanladen auf wenig Begeisterung stößt. Man tut deshalb gut daran, eine Stufe einzufügen, auf der man sich fragt, was ist eigentlich der wichtigste Part meines Bilds und wo befindet sich der jetzt. Oft wird er dicht an der Bildmitte sein. Aber ist das wirklich die ideale Position oder nur die naheliegendste?

Man versuche jetzt, dieses Detail spannungserzeugend aus der Mitte weg zu bewegen. Das geht nicht, ohne daß das Bild schlechter wird? Sehr oft ist etwas daran Schuld, das jetzt plötzlich "übermächtig" geworden zu sein scheint, weil es erst jetzt wirklich auffällt. Gekonnte Bildgestaltung besteht also zu einem guten Teil einfach darin, daß man störende Hintergrundelemente (die Hochspannungsleitung, den Ast, den Schlagschatten...) durch eine kleine Positionsänderung aus dem Bild entfernt. Je weniger störende Einzelheiten es noch gibt, umso weiter kann das Hauptmotiv meist auch aus der Bildmitte verlagert werden, ohne daß "der Blick abreißt".

Das heißt gewiß nicht, daß man jetzt alles an den Bildrand quetschen soll. Aber genauso, wie ich vorhin schon empfohlen hab, erst einmal zu dicht heran zu gehen, möchte ich jetzt denselben Weg empfehlen: Hauptmotiv weit raus aus der Mitte und nur gerade so weit in Richtung Mitte bewegen, wie es noch zu einer deutlichen Verbesserung des Bilds führt. Ungefähr gleich gut reicht nicht - Verbesserung ist gefragt!

4. Aufräumen ist angesagt

Wir haben jetzt bereits gesehen, daß gute Bildgestaltung vor allem Entfernen alles Nebensächlichen, Störenden bedeutet. Wesentliche Bildelemente isolieren, um sie hervorzuheben, heißt auch, den eingestellten Blendenwert ganz bewußt zu wählen und nicht irgendeiner Automatik zu überlassen.

In Basiswissen Fotografie (2) wurden Blende und Schärfenbereich ausführlich behandelt. Das ist grundlegendes Handwerkszeug in der Fotografie, das man wirklich im Schlaf beherrschen sollte. Durch selektiven Schärfebereich kann ich eventuell ganz bequem meinen Hintergrund "aufräumen", indem ich ihn einfach in Unschärfe abtauchen lasse. Wunder geschehen aber nicht immer so leicht: Ein kritischer Kontrollblick ist nötig, denn auch ein völlig unscharfer farb- und helligkeitsmäßig störend ablenkender Fleck ist ein Mangel für das Bild. Die weit geöffnete Blende kann oft viel zur Bildverbesserung beitragen, ist aber auch kein Universalmittel, das man gedankenlos einsetzen sollte. Weil aber sehr oft weniger mehr ist, empfehle ich generell, die Blende immer nur so weit zu schließen, wie es für das Bild eine wirkliche gestalterische Verbesserung bringt.

Wenn ich zwei Bildelemente hab, die beide gleich wichtig sind und deshalb nach Schärfe verlangen, versuche ich sie so zu positionieren, daß sie ungefähr gleich weit weg von der Kamera sind und deshalb eine nur mäßig geschlossene Blende brauchen. Tatsächlich sind es bei meiner Fotografie sicher keine 10% der Aufnahmen, die Blendenwerte höher als 5,6 brauchen. Weil ich gern mit lichtstarken Festbrennweiten arbeite, schätze ich sogar, daß wahrscheinlich die Hälfte meiner Bilder mit einer Blende zwischen 2 und 4 aufgenommen sind.

Man sollte sich bewußt machen, daß eine hohe Lichtstärke (d.h. ein Objektiv, das eine besonders weit zu öffnende Blende bietet) bei richtiger Handhabung fotografisch ein Leckerbissen sein kann, der seinen deutlich höheren Anschaffungspreis des Objektivs wert ist.

z.B. Portraits: Auf die Augen achten!

Man braucht nicht schüchtern zu sein: zu geringe Schärfentiefe ist kein Drama, solange das wichtigste Detail perfekt scharf ist. Bei Portraitaufnahmen sind das fast immer die Augen. Je weiter man also die Blende öffnet, umso genauer sollte man darauf achten, daß wenigstens eines der beiden Augen gestochen scharf wiedergegeben wird. Wenn nicht gerade im Hintergrund etwas sehr Störendes scharf wiedergegeben wird, ist zu große Tiefenschärfe zwar oft nicht ideal, aber trotzdem keine Katastrophe. Andererseits ist aber bei minimaler Tiefenschärfe ein Portrait, bei dem versehentlich die Nasenspitze scharf ist und nicht die Augen, meist reif für die Mülltonne.

5. Das Problem mit dem Tempo

Mir ist ein Rätsel, wieso sich gerade so viele Amateurfotografen so benehmen, als würde ein Sklaventreiber hinter ihnen stehen und immer dann mit der Peitsche zuschlagen, wenn nicht mindestens 10x pro Minute auf den Auslöser gedrückt wurde.

Fotografie ist kein Würfelspiel und keine Lotterie! Wer glaubt, durch eine enorme Menge von geistlosen Schnellschüssen vielleicht doch einmal zufällig das Bild seines Lebens zu machen, sollte vielleicht besser unter die Paparazzi gehen und sich einen guten Platz auf dem nächsten Baum vorm Haus eines Promis sichern, denn mit eigener Leistung kreativer Gestaltung haben solche Bilder erschreckend wenig zu tun.

Ich geb zu, daß ich auch etwas öfter auf den Auslöser drücke, seit das digital ja nichts mehr kostet. Früher (auf einem Mittelformat-Film waren nur 12 Bilder!) hatte ich pro Jahr einen Verbrauch von ungefähr 100 Filmen, also etwa 4 Bilder pro Tag. Mit meiner Digitalkamera hab ich in den letzten 3 Jahren ziemlich genau 10.000 Fotos geschossen - also nicht ganz 10 pro Tag. Die Ausbeute an schließlich tatsächlich fertig ausgearbeiteten Bildern hat sich dadurch aber kaum verändert. Bei wohlwollender Betrachtung kann man vielleicht einen ganz leichten Anstieg der Qualität feststellen - aber nicht einmal da bin ich mir sicher.

Wenn man jetzt noch mit berücksichtigt, daß Fotografie auch Teil meines Broterwerbs ist (ich also ziemlich viel Zeit dafür aufwende) und es gleichzeitig genug Hobbyknipser gibt (sorry, aber das Wort "Fotograf" mag ich da nicht mehr benutzen), die sich bereits nach nur einem Jahr Sorgen machen, wie lang ihre Kamera wohl noch hält, da sie ja "nur" auf 100.000 Auslösungen ausgelegt ist, meine ich, muß etwas falsch sein. Jeder wie er mag, aber wer es so betreibt, braucht hier nicht mehr weiter zu lesen! So jemand hab ich beim besten Willen nichts zu sagen.

Noch eine "Todsünde":

Wer digital fotografiert und einen PC besitzt (also die sicher überwältigende Mehrheit) hat damit auch sein Labor auf dem Tisch stehen. Ich bin zwar überzeugter Photoshop-Anwender, aber auch wer sparen will, hat eine ganz stattliche Auswahl an ganz oder fast kostenlos erhältlichen Bildbearbeitungsprogrammen zur Auswahl. Ob es einem nun gefällt oder nicht: Bildbearbeitung ist unverzichtbar für wirklich gute Endergebnisse digitaler Fotografie! Das hat ganz konkrete Gründe, auf die ich hier aber nicht eingehen will. Fakt ist aber: Wer nicht bereit ist, sich wenigstens solide Grundlagen anzueignen und die auch anzuwenden, kann nach meiner Meinung sauber fertig ausgearbeitete Bilder auch gleich vergessen - und damit die Bemühungen um wirklich sehenswerte Bilder mit.

Damit kommen wir aber wieder zum Tempo-Problem: Wer am Abend eines Fotoausflugs 500 und mehr Bilder auf den Speicherkarten mit nach Hause bringt, ist eigentlich ein armes Schwein. Selbst wenn zwei oder drei Hand voll sehr guter Aufnahmen darunter sind, gleicht es einer Strafarbeit, die heraus zu fischen, denn "sehr gut" meint das daraus erzielbare Endergebnis, aber keineswegs das, was auf der Speicherkarte vorliegen muß. Jawohl, wir kommen zur Bildgestaltung zurück: Ein solches Bild mag im ersten Moment gar nicht auffallen, weil vielleicht Weißabgleich, Belichtung und Kontrast zu wünschen übrig lassen. Im RAW-Modus fotografiert sind das aber oft keine echten Mängel, weil es genug Spielraum für weitreichende Korrekturen ohne nennenswerte Qualitätseinbußen gibt. Das heißt aber, daß man sich genug Zeit nehmen muß, um die Bilder erst einmal aufmerksam genug anzusehen. Manche Bilder wird man gleich aussortieren können, aber andere, von denen es mehrere Varianten gibt, wird man für eine gezielte Auswahl genauer unter die Lupe nehmen. Ich hab auf die aufgewandte Zeit mal näher geachtet. Im Durchschnitt brauche ich für 100 Bilder fast anderthalb Stunden. Wer jetzt 600 Bilder nach Hause gebracht hat, würde auf diese Weise nur für die Vorauswahl fast einen vollen Arbeitstag aufwenden müssen, ohne die geringste Bearbeitung und Optimierung.

Mal ehrlich: Wer tut das wirklich?

Meine Erfahrung:

Massenproduktion bedeutet nicht nur schlampigere bis fast gar nicht vorhandene Bildgestaltung (ein Mangel, der nachträglich meistens nicht mehr behoben werden kann!), sondern durch die enorme Flut an Material, das sich von Bild zu Bild oft nur um Nuancen unterscheidet (aber denselben gestalterischen Fehler mitschleppt...), wird ein Rest an Möglichkeiten verschenkt, weil man ja schließlich fertig werden möchte. Und zu einer soliden Ausarbeitung hat man meistens auch keine Lust mehr; man hat sich satt gesehen.

Abhilfe:

Wer sich gerade wiedererkannt hat und mit seinen Bildern oft nicht zufrieden ist, dem kann ich nur raten, die Zahl der Auslösungen pro Fototermin erst einmal drastisch zu reduzieren. Damit man sich auch daran hält, nimmt man als selbst gewählte Erziehungsmaßnahme nur eine einzige Speicherkarte mit (ich hab Karten zu 1 GB; in RAW gehen da nur ca. 75 Fotos drauf bei meiner Kamera). Das waren früher immerhin 2 komplette Kleinbildfilme. Man wird merken, daß man ganz von selbst viel mehr Sorgfalt verwendet, wenn der Vorrat noch verfügbarer Bilder zur Neige geht (jetzt löschen ist aber tabu!!!).

Wer das nicht fertigbringt aus lauter Angst etwas zu versäumen, leidet entweder unter einem handfesten Zwangsverhalten oder ist nicht ernsthaft an der Verbesserung seiner Bilder interessiert. In beiden Fällen ist zu raten, mit Fotografie ganz aufzuhören. Es ist rausgeschmissene Zeit und schade um das Geld.